Er wandte sich zum Fenster, sah eine Weile lang in Gedanken durch das schwere Eisengitter des Erdgeschosses hinaus und sagte schließlich:
„Es ist da noch ein Punkt zwischen uns zu erörtern. Aus den Erzählungen meines Neffen weiß ich nämlich, Sie haben sich durch das Spiel in schwere Ungelegenheiten gebracht, und ich möchte Ihnen meine Meinung darüber nicht verhehlen. Ein großer Teil dessen, was wir heut’ in unserem Geschäfte treiben, ist auch nichts anderes als Spiel, nur daß wir uns einbilden, wir könnten die Chancen besser berechnen als bei den Karten. Und ich sage, wer nicht ein wenig Spielerblut in den Adern hat, ist auch kein rechter Bänker. Nur muß man immer den klaren Kopf oben behalten, genau wissen, wie weit man zu gehen hat. Das haben Sie anscheinend eine Zeitlang vergessen und sich in schwere Ungelegenheiten gebracht. Das ist doch aber nicht der Zweck dabei, denn das Spiel soll doch immer ein Vergnügen bleiben. Wenn Sie mir also versprechen, in dieser Hinsicht vorsichtiger zu werden, bin ich zufrieden.“
„Ich verspreche es,“ sagte Heino und atmete erleichtert auf. Nicht ohne Herzklopfen war er zu diesem Examen hingegangen, aber der Gewaltige des Bankhauses Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne erwies sich als ein wohlwollender Prüfer, dem nichts Menschliches fremd war ...
„Na schön,“ erwiderte der alte Herr Geheimrat, „und haben Sie heute vormittag noch was Besonderes vor? Nicht? ... Na, um so besser, dann können wir gleich anfangen. Da drüben ist Papier, Feder und Tinte, bitte, schreiben Sie. Es handelt sich nämlich um ein Projekt, bei dessen Finanzierung unter Umständen ein großer Nutzen abfallen kann. Also oben drüber: „Streng vertraulich“. Und dann die Adresse: „Herrn Salomon Eisenberg in Chrzánow, Galizien. Im Besitze Ihres Geehrten vom 17. ds. betreffend Vorkommen von Petroleumquellen auf den Gütern des Herrn Grafen von Chelminski auf Chelmien, bin ich auf Grund der beigefügten Gutachten von Sachverständigen nicht abgeneigt, der Angelegenheit näher zu treten. Eventuell wäre ich bereit, in nächster Zeit persönlich dorthin zu kommen, um mich an Ort und Stelle näher zu informieren“ ...
„Verzeihung, Herr Geheimrat,“ sagte Heino und hielt im Schreiben inne, „würden Sie vielleicht die Güte haben, mich auf diese Exkursion mitzunehmen?“
„Mit Vergnügen, aber Sie müßten vorher ‚Franzefuß‘ lernen, denn Bridge en deux ist für zwölf Stunden Bahnfahrt zu langweilig. Und glauben Sie, daß Sie mir da unten irgendwie von Nutzen sein könnten?“
„Vielleicht, Herr Geheimrat. Ich verstehe Polnisch und kenne etwas Aehnliches aus meiner Heimat her. Ein spekulativer Bauer, der seine Klitsche loswerden wollte, schüttete ein Dutzend Zentner Steinsalz in den Brunnen, zog auch einen Sachverständigen hinzu, der ihm bescheinigte, daß das Wasser stark salzhaltig wäre, und fand danach richtig einen Dummen, der ihm das Grundstück weit über den landläufigen Preis bezahlte. Ob er auch außerhalb des Brunnens Salz gefunden hat, weiß ich nicht. Vielleicht noch ein bißchen in der Speisekammer, aber nach dem Gutachten des Sachverständigen hatte er wohl mehr erwartet.“
„Nicht übel,“ meinte der alte Herr und sah seinen eben engagierten Geheimsekretär mit neuen Augen an. „Mir erschien bei der Sache auch noch nicht alles richtig, denn Chrzánow liegt von dem eigentlichen Petroleumdistrikt Galiziens ziemlich weit entfernt, die Sachverständigen aber erklärten das plötzliche Vorkommen von Oel mit einem unterirdischen Durchbruch. Na, dann wollen wir Herrn Salomon Eisenberg ein wenig anders schreiben. Wenn’s nicht stimmt, wird er schon schreien.“
Und mit einem Schmunzeln um den bartlosen Mund fing er wieder an zu diktieren: „näher zu informieren, aber ich würde mir gestatten, auch meinerseits einen Sachverständigen mitzubringen, der ... der ... na, nun machen Sie mal einen guten Witz, Herr Baron! Je niederträchtiger, desto besser.“
„Hm,“ sagte Heino eifrig, denn das versprach ein Brief nach seinem Herzen zu werden, „man könnte vielleicht so sagen: Einen Sachverständigen mitzubringen, der in unterirdischen Durchbrüchen eine große Erfahrung besitzt. Es wird ihm bei näherer Prüfung der geologischen Formation ein leichtes sein festzustellen, wohin der Ihrerseits angenommene Durchbruch führt, ob nach dem galizischen Oelgebiet oder nach einem mehr in der Nähe befindlichen Lager, das sich jedoch ebenfalls mühelos ermitteln lassen wird, wenn man aus der Topographie von Chrzánow die dortigen Petroleumhandlungen kennt.“