»Schwerlich!«
»Na siehst Du,« versetzte der Jüngere tiefsinnig, »ich habe es schon immer gesagt, und die Geschichte eben bestärkt mich von neuem in der Meinung: wir hätten uns rechtzeitig zusammentun müssen, unseren Urgroßvater zu erschlagen. Von ihm stammt nämlich, nach dem Bild im großen Saal zu schließen, in einem grotesken Sprung über Generationen, das ganze Malheur. Die krummen Beine, die großen Ohren, die Sommersprossen und der weit vorspringende Nasengiebel. Wobei ich annehme, der damalige Maler hat in Ansehung des Honorars noch beträchtlich geschmeichelt.«
8.
Die Wochen vergingen in scharfem Dienstbetriebe, der Oberstleutnant Harbrecht hielt sein Regiment in Atem. Ob die politische Spannung schärfer wurde oder schwächer, kümmerte ihn blutwenig. Er tat seinen Dienst an der Grenze, wie ein Soldat, der mit offenen Augen auf verantwortungsvollem Posten stand.
Die Aufgabe, die er mit dem Kommandeur des in Ordensburg liegenden Infanterieregiments zu erfüllen hatte, war einfach, aber anstrengend. Nachts paßten die Grenadiere an den von Osten kommenden Einfallstraßen, am Tage die Dragoner. Und dahinter hielten die beiden Regimenter in einer Art von Bereitschaftsstellung. Felddienst und Exerzieren gingen ihren Gang wie sonst, nur man war dabei fortwährend auf der Lauer. Um sich dem Stoß, wenn er endlich von drüben kam, rechtzeitig entgegenzuwerfen, ihn mit Einsetzen des letzten Mannes so lange aufzuhalten, bis weiter rückwärts der Aufmarsch vollzogen war. Dieses dauernde Warten aber auf ein Ereignis, das jede Stunde kommen konnte oder vielleicht auch ganz ausbleiben, machte mürbe, kostete Nerven. Und noch etwas anderes kam hinzu, was dem Oberstleutnant Harbrecht Sorgen, Aerger und schlaflose Nächte bereitete, eine ekle Spionengeschichte.
Von der Division war ihm mitgeteilt worden, die große Berliner Zentrale für diesen wohl notwendigen, aber wenig dekorativen Dienst hätte bestimmte Gründe für die Annahme, daß im Ordensburger Kreise eine Persönlichkeit dem feindlichen Informationsbureau Nachrichten lieferte, die im Ernstfalle für die deutsche Armee geradezu verhängnisvolle Folgen haben müßten. Der schimpfliche Verräter verfügte über Kenntnisse, die auf eine genaue Vertrautheit mit den diesseitigen Mobilmachungsplänen und der Lage der Sperrforts schließen ließen, und er, der Oberstleutnant Harbrecht, wurde aufgefordert, sich dazu zu äußern. Ob ihm dienstlich oder außerdienstlich etwas aufgefallen wäre, was den Verdacht auf eine bestimmte Persönlichkeit lenken könnte. Da ging er in Sorge und Aufregung umher, bis ihm eine Art von Erleuchtung kam.
In der Waldschenke, in der Nähe der Schießstände in der großen Beldahner Forst, hauste der Wirt Burdeyko, von dem er wußte, daß er alle paar Monate einmal eine geheimnisvolle Fahrt über die Grenze unternahm. Es wäre ja nicht das erste Mal gewesen, daß solche Kerle zweispännig fuhren, heute für diese Seite ihr dunkles Handwerk trieben, morgen für die andere ... Und es gab einen im Regiment, der diesen Burdeyko ein wenig genauer kannte, weil er schon seit Wochen bei ihm russischen Sprachunterricht nahm, den Rittmeister von Foucar!
Er schickte eine Ordonnanz ins Revier der fünften Schwadron und ließ ihn bitten, für ein paar Minuten ins Regimentsbureau zu kommen. Aber auch diese Unterredung brachte nicht die erwünschte Klarheit. Herr von Foucar konnte nichts anführen, was den Verdacht des Kommandeurs bestätigt hätte. Im Gegenteil, er hielt den Wirt Burdeyko für einen durch und durch patriotisch gesinnten Mann, der seinen gefährlichen Beruf gegen verhältnismäßig geringe Entlohnung ausübte. Aus einer Art von Passion, aber er hätte erst unlängst einmal geäußert, er gedächte demnächst Schluß zu machen. Einmal erwischte man ihn doch da drüben, und er hätte keine Lust, sein Leben in den Bleibergwerken Sibiriens zu beschließen.
Da sagte der Oberstleutnant ärgerlich:
»Na schön, dann sollen die Herrschaften aus Berlin so einen Sherlock Holmes herschicken, vielleicht kriegt der es 'raus! Mir sind solche Geschäfte ekelhaft. Aber Sie, lieber Rittmeister, – gut, daß ich Sie einmal unter vier Augen habe! Sie gefallen mir ganz und gar nicht. Sie muten sich zu viel zu.«