»Verbindlichsten Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich befinde mich ausgezeichnet.«
»Nee, mein Lieber, so kommen Sie mir nicht weg! Ihr Diensteifer in Ehren! Sie haben das Kunststück fertig gebracht, aus einer Schwadron, die – na sagen wir mal – zu wünschen übrig ließ, in kurzen Wochen eine Truppe zu machen, die sich sehen lassen kann. Das soll Ihnen nicht vergessen und dick angekreidet werden. Aber nun können Sie sich auf diesen Lorbeeren auch ein bißchen verpusten. Wir haben ja so schon Dienst zum Ueberlaufen, da ist es – weiß Gott – nicht nötig, daß Sie sich noch 'ne Extraportion einschwenken. Russische und polnische Sprachstudien, ausgedehnte Ritte ins Gelände – es ist ja manchmal verblüffend, wie gut Sie Bescheid wissen in unserem verzwickten Terrain mit den vielen Einschnitten und Gewässern – und neulich wurde mir erzählt, wenn man spätnachts an Ihrem Häuschen vorbeikäme, da draußen vor dem Tore, könnte man Sie egalweg am Schreibtisch sitzen sehen vor Ihrer Studierlampe.«
»Nochmals heißen Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich fühle mich bei dieser angestrengten Tätigkeit sehr wohl! Nur von jetzt an werde ich abends meine Fensterläden schließen.«
»Na, wie Sie wollen! Aber einen Rat möchte ich Ihnen noch geben, ganz freundschaftlich. Aller Welt fällt es auf, wie Sie sich in diesen Wochen verändert haben. Sogar meiner Frau fällt es auf, wie spitz Sie im Gesicht geworden sind. Gestern erst stellte sie mich darauf. Und gab mir zugleich als sorgsame Regimentsmutter ein kleines Avis: Sie halten sich zu sehr von dem gesellschaftlichen Verkehr fern in unseren Familien. Vorige Woche gab unser Etatsmäßiger ein Gartenfestchen – Sie glänzten durch Abwesenheit! Herr und Frau von Lüttritz feierten ihren zehnjährigen Ehekontrakt, die ganze Gentry aus Stadt und Umgegend war da, bloß Sie nicht! Und ähnliche Klagen sind mir von unseren Herren zu Ohren gekommen. Mittags essen Sie schweigsam im Kasino Ihr kärgliches Menü und fertig, Mahlzeit! Abends sind Sie nie zu sehen. Auch nicht in den bürgerlichen Exkneipen, wo unsere Herren sich mit denen von der Infanterie treffen und etlichen aus dem Zivil. Das wird Ihnen verdacht, als Hochmut ausgelegt. Und gerade auf Sie hatte man nach Ihrem Aussehen und ersten Auftreten hier besondere Hoffnungen gesetzt in gesellschaftlicher Beziehung! Also – wenn sich's machen läßt – nehmen Sie sich die freundschaftliche Aussprache eben zu Herzen! Guten Morgen, lieber Herr von Foucar.«
»Empfehle mich gehorsamst, Herr Oberstleutnant.«
Einen Augenblick hatte Gaston gezögert, ehe er mit einer Verneigung das Regimentsbureau verließ, um in sein Schwadronsrevier zu der unterbrochenen Besichtigung der Pferde zurückzukehren. Das Wort, das dem so wohlwollenden Vorgesetzten für sein Verhalten die Erklärung gegeben hätte, hatte ihm schon auf den Lippen gelegen: »Herr Oberstleutnant, ich habe innerlich mit etwas fertig zu werden, was mich arg bedrückt. Eine Angelegenheit, über die ich aus naheliegenden Gründen nicht sprechen kann. Hoffentlich kriege ich sie unter, und dann will ich den mir so gütig gegebenen Ratschlag gerne befolgen.« Die Scheu, sein Allerinnerstes selbst vor noch so teilnehmendem Auge zu entblößen, band ihm die Zunge.
Als er nach dem Mittagessen in das kleine Häuschen vor dem Tore kam, das er sich so recht behaglich eingerichtet hatte, ging er geradenwegs in das Schlafzimmer und musterte sein Gesicht aufmerksam in dem großen Spiegel. Aehnlich wie vor jenen langen Wochen in Berlin. Nur diesmal blickte ihm ein anderer entgegen. Ein hohläugiger Kerl mit hagerem Gesicht, aus dem eine spitze Nase sprang, zwei tiefe Falten rechts und links. Kein Wunder, denn der Kerl war krank. Zwei Geier fraßen zugleich an seiner Leber, die Reue und die Sehnsucht. Da »bearbeitete« er sich nach dem Wort, das er von dem dicken Freiherrn von Lindemann gehört hatte. Aber das Mittel half nicht immer. Zuweilen fiel ihn die Sehnsucht nach dem lieben blonden Mädel an wie ein körperlicher Schmerz ... Dann sah er sie vor sich, die Annemarie von Gorski, wie sie ihm im Coupé gegenübersaß auf der viel zu kurzen Fahrt damals, oder wie sie mit den schmalen Füßen durch die spritzenden Regentropfen schritt, ohne sich umzublicken. Kaum eine Stunde brauchte er zu reiten, und er konnte sie wiedersehen, aber vor diesem Wege türmte sich ein grobes Hindernis. Das Wort, das er einer anderen verpfändet, und von dem diese ihn noch immer nicht gelöst hatte.
Jedesmal, wenn er nach Hause kam, schlug ihm das Herz, heute endlich mußte doch die Antwort da sein! Aber der Platz auf dem Schreibtische war leer. Nur zuweilen, alle Woche einmal, lag ein Brief da mit zweisprachiger Adresse, russisch und deutsch, und dem Poststempel Warschau. Wenn er ihn ausschnitt, fielen Papierschnitzel heraus, Stücke einer polnischen Zeitung. Er versuchte, sie zusammenzusetzen, aber sie ergaben keinen Sinn. Auch sein Lehrer Burdeyko vermochte sie nicht zu erklären. Da warf er die rätselhaften Briefe ungelesen in den Papierkorb. Nur ein unheimliches Gefühl beschlich ihn jedesmal dabei.
Als zwei Wochen vergangen waren, ohne daß er von Josepha eine Antwort hatte, wandte er sich an ein Berliner Detektivbureau, dessen Adresse er in einer Zeitungsannonce gelesen hatte. Ersuchte mit der Bitte, die Spesen durch Nachnahme zu erheben, um Auskunft, ob Frau Rheinthaler, Kolonie Grunewald bei Berlin, Prinz-Handjery-Straße, verreist wäre. Nach drei Tagen kam die Antwort unter gleichzeitiger Nachnahme von dreißig Mark: »Angefragte lebt höchst zurückgezogen in ihrer Villa, ganz der Trauer um ihren, in der Blüte der Jahre verstorbenen Gemahl hingegeben. Verschiedene Anzeichen lassen darauf schließen, daß sie in nächster Zeit eine längere Reise anzutreten gedenkt, vermutlich ins Ausland.«
Da schrieb er einen neuen Brief in zwei Ausfertigungen. Einen an Josepha, den zweiten an diese unheimliche alte Hexe, die ihm den Bericht über die Ereignisse am Tage seiner Abreise geschickt hatte. Und diesmal wurde er deutlicher in seinem gerechten Zorn, schrieb sich alles herunter, was er auf der Seele hatte. Auf dem Papier sah es schroffer aus, als er es sich zurechtgelegt hatte, aber er mochte nichts ändern. Er schloß damit, daß er sein Wort unter falscher Voraussetzung abgegeben hätte. Einer geschiedenen Frau hätte er es wohl halten können, aber niemals einer, die schon vorher nicht die Anforderungen erfüllte, die ein anständiger Mann an seine zukünftige Gattin zu stellen berechtigt wäre. Und an einer flüchtigen Sinnesregung ließ er sich nicht festhalten. Er wollte endlich wieder reinen Tisch haben in seinem Leben, innerlich und äußerlich.