Die beiden Briefe trug er persönlich zur Post, ließ sie »eingeschrieben« an ihre Adressen befördern. Die Tage vergingen, es kam keine Antwort. Nur ein merkwürdiger Kerl stellte sich ein in der Nähe seiner kleinen Villa, der ihn anscheinend beobachtete. Ein Kerl mit einem konfiszierten Galgengesicht, der ihm auf die Dauer unheimlich wurde.
Drüben, auf der anderen Seite der Straße, war freies Feld. Da hatte der Mann ein Stück von der Größe eines mäßigen Gartens gekauft, grub den Acker um und ließ von einigen Arbeitern ein kleines Häuschen aufführen. Jedesmal, wenn Gaston ausritt oder heimkehrte, fühlte er, daß der Mann ihm forschend nachsah. Auch mit seinem Burschen hatte er sich bekannt gemacht, stand zuweilen plaudernd am Gartenzaun. Nach näherer Erkundigung aber stellte sich heraus, der unheimliche Fremde wäre ein pensionierter Kanzleibeamter aus Königsberg, der sich hier einen Ruhesitz einrichtete, auf dem er als bescheidener Rentner zu leben gedächte. Die vermeintliche Beobachtung war nichts weiter als spießbürgerliche Neugierde.
Da fing Gaston an, allmählich ruhiger zu werden, und zugleich stellte sich ihm eine Erklärung ein, daß er auf seine beiden Briefe keine Antwort erhalten hatte. Den zweiten hätte er sich eigentlich sparen können, der erste war ja schon deutlich genug gewesen. So deutlich, daß eine Frau wie Josepha darauf nichts mehr zu erwidern brauchte. Und er zerfleischte sich mit bitteren Selbstvorwürfen, er hätte die notwendige Befreiung vielleicht mit zarteren Mitteln durchsetzen können. Die Aermste konnte doch nichts dafür, daß sie aus einem Gefühl unerklärlicher Sympathie ihre Hoffnung auf einen setzte, der sie bitterlich enttäuscht und – weshalb, war gleichgültig – die beschworene Treue brach ...
Am eigenen Leibe verspürte er's jetzt, wie es einem zumute war, der sich in hoffnungsloser Sehnsucht verzehrte. Wie eine Krankheit war das, die den Befallenen ganz schwach und elend machte. Stundenlang ging man herum wie ein Gesunder, dann kam plötzlich das bittere Weh über einen, daß man hätte aufschreien mögen vor Schmerzen und Bangen und Qual.
Einmal vor ein paar Tagen hatte er das Fräulein von Gorski wiedergesehen. Sie hielt in einem Selbstfahrer mit einem schnittigen Trakehner Halbblut auf dem Marktplatz, sprach eifrig mit ihrer Freundin Lüttritz, der Gattin des Rittmeisters der zweiten Schwadron. Er grüßte respektvoll, sie dankte kurz, blickte kaum nach ihm hin. Wenn sie nicht gar so kühl zurückgegrüßt hätte, wäre er an den Wagen getreten, hätte sich entschuldigt, daß er wegen vielen Dienstes leider noch immer nicht dazu gekommen wäre, in Kalinzinnen seinen pflichtschuldigen Besuch abzustatten. So ging er weiter und schalt sich einen Narren, weil er sich im innersten Winkel seiner Seele immer noch mit törichten Hoffnungen und Wünschen getragen hatte. Die Einladung damals auf der Reise war nichts weiter als eine belanglose Liebenswürdigkeit gewesen, stammte aus irgend einer gehobenen Stimmung, die vielleicht mit der Heimkehr nach langer Abwesenheit zusammenhing oder mit der glücklichen Genesung ihres Vaters. Da hätte sie jeden anderen an seiner Stelle wohl ebenso eingeladen. Und das vermeintlich absichtliche Vergessen der kostbaren Zigarettentasche? Wenn es wirklich Absicht war, war es die Laune einer verwöhnten jungen Dame, die sich in kindischem Trotz gegen den Vater auflehnte einen Augenblick lang ...
Ein paar Stunden später war die ganze Angelegenheit wieder vergessen. Und von seinem russischen Lehrer, der ihm nach beendigter Lektion bei einer Zigarette zuweilen Neuigkeiten aus dem Kreise erzählte, erfuhr er, die Verlobung im Herrenhause von Kalinzinnen stände kurz bevor. In der letzten Augustwoche würde Fräulein von Gorski einundzwanzig Jahre alt, und dann würde die Verlobung mit dem Besitzer des Nachbargutes Orlowen veröffentlicht. Schon jetzt träfe man die Vorbereitungen zu dem Fest.
An dem Abend litt es ihn nicht in der Einsamkeit seines kleinen Häuschens, er mußte sich irgendwie Gewißheit schaffen.
Er machte sich auf und ging ins Kasino. Es waren zehn oder zwölf Herren da im Spielzimmer, aber er stieß auf frostigen Empfang. Alle gingen sie nach kurzer Zeit fort, weil sie heim wollten nach anstrengendem Dienst oder irgendeine Verabredung hatten. Nur sein »Schwadronskücken« blieb bei ihm sitzen, der jüngere Leutnant von Gorski. Er lud ihn auf eine Flasche Mosel ein, der Kleine akzeptierte dankend, saß aber dann verfroren auf seinem Stuhl und blinzelte den Schwadronschef von Zeit zu Zeit verwundert an, als wenn er fragen wollte, weshalb er gerade zu dieser plötzlich über sein ahnungsloses Haupt sich ergießenden Ehrung käme. Zudem war der Mosel sauer wie Essig. Eine jener Sorten, denen, seiner Ansicht nach, vornehmlich die Zunahme der Temperenzlerbewegung zu verdanken war.
Erst allmählich wurde der kleine Gorski wärmer, als sein Rittmeister ihm bei der zweiten Hälfte der Flasche die unerwartete Eröffnung machte, ihm wäre es leider nicht gegeben, mit leichtem Sinn Anschluß zu finden. Dazu brauchte er immer erst eine gewisse Zeit, aber von jetzt an würde er sich öfter zum abendlichen Schoppen im Kasino einfinden. Darauf erklärte Karl von Gorski, die Ausführung dieser liebenswürdigen Absicht würde im Kreise der Kameraden allseitige Freude erregen. Als jedoch danach das Gespräch wieder ins Stocken geriet, begann er, seinem Vorgesetzten die neuesten jüdischen Witze zu erzählen. Aber es war ein undankbares Beginnen. Bei Pointen, die jedem an der polnischen Grenze Aufgewachsenen das Zwerchfell erschütterten, verzog der kaum den Mund. Da beschloß er, auf einen baldigen Rückzug zu sinnen, gleich den übrigen, die sich vor dem steifleinenen Gesellen da rechtzeitig gedrückt hatten, in der gemütlichen kleinen Kneipe am Gerichtsplatze saßen und würziges Bier tranken statt sauren Mosels.
Unbegreiflich erschien es jetzt auch ihm, wie er an diesem zugeknöpften und hochmütigen Generalstäbler in den ersten Tagen hatte Gefallen finden können. Die andern hatten schon recht, dem waren die paar Jahre hier nichts als eine belanglose Durchgangsstation. Sie aber waren mit dem Regiment schon seit Generationen verwachsen. Alles, was an 'Cadets' heranwuchs auf den Gütern um Ordensburg, diente bei den Dragonern. Plötzlich aber hob der Kleine den Kopf mit den lächerlich großen Ohren. Und mit einem Male fing es ihm an zu dämmern, weshalb der da drüben seine Gesellschaft gesucht hatte.