»Vielleicht nicht so ganz! Im Gegenteil! Wenn ich so sagen darf, für mich eine Gewissensberuhigung. Neulich sagte ich, ich würde mich als Pythia frisieren. Mit 'nem Dreifuß. Morgen kaufe ich mir eine große Schere, reite nach Kalinzinnen, um – möglicherweise – einen Verlobungsfaden abzuschneiden!«

»Karlchen, Du bist verrückt!«

»Ah nein, mein Jungchen, sondern der einzig Vernünftige in der ganzen Pastete. Zwei Leutchen sind da drin, die aneinander vorbeigehen. Aus Mißverständnis. Die sollen sich aussprechen dürfen. Was sie nachher tun, ist ihre Sache. Das bin ich beiden schuldig. Ihr, weil ich mal blöd in sie verliebt war, dem anderen, weil ich vor einer Stunde ungefähr eine gewaltige Hochachtung vor ihm gekriegt habe. Fast schon Zuneigung. Und nicht zuletzt handle ich aus Familiengefühl. Es war schon einmal so ein Skandal in der Familie Gorski, vor jenen zwanzig oder mehr Jahren. Ich kenne ihn aus mangelnder Anciennität nur vom Hörensagen, aber ich kann ihn mir nachträglich vorstellen. Hinterher wird geschossen, die Leidtragende ist das arme Wurm von Frau, das sich ein paar Jahre zu früh verheiratet hat. Ehe sie den kennen lernte, der vielleicht besser zu ihr gepaßt hätte. Der nachher Hausfreund wird, weil der Herr Gemahl seine Zerstreuung in der Kneipe sucht.«

»Und Hermann von Brinckenwurff? Der uns doch als Jugendfreund nahesteht?«

Der Kleine hob die Achseln.

»Der andere steht mir näher, seit einer Stunde. Einer mit Irrtümern und Fehlern vielleicht, aber ein Edelmann! Ich habe beschlossen, mir höhere Stiefelabsätze zuzulegen, weil er mich seiner Freundschaft würdigte. Um schon äußerlich diese neue Würde zu dokumentieren. Ich werde auch neue Visitenkarten drucken lassen, wie jener, dadurch berühmt gewordene Herr Müller: 'Ami de Beethoven!' Das gibt immerhin ein gewisses Relief.«

»Karlchen, ich glaube, Du bist betrunken!«

»Möglich, Herr Majoratserbe, möglich. Aber was beweist das? Ich bin immer der Meinung, die genialsten Einfälle sind im Rausch zustande gekommen. Im Rausch, wo man mit beschwingter Phantasie aufs Ganze geht, statt sich an allerhand Kleinkram zu stoßen. Und jetzt lese ich auf Deinen Lippen das Wort 'Philosoph'. Da irrst Du Dich. Ich bin wirklich nur betrunken. Und morgen nachmittag reite ich nach Kalinzinnen, erzähl' der Annemieze, daß sie sich fälschlicherweise geärgert hat wegen einer ausgeschlagenen Einladung. Dann kann sie hinterher immer noch tun, wozu sie Lust hat. Den einen nehmen oder den anderen.«

»Karlchen, misch Dich nicht in Dinge, die Dich nichts angehen! Neulich gabst Du mir doch selbst den Rat, den Daumen nicht in eine Türangel zu stecken!«

»Das war neulich! Inzwischen aber bin ich zu der Erkenntnis gekommen, daß es unmöglich das Ideal einer Ehe sein kann, wenn der Gatte allabendlich in die Stadt fährt, um dickes Bier zu trinken. Stumpfsinnig dasitzt, bis der Leutnant Uhlenburg einen Witz erzählt, und dann sagt: 'Na prost! Sollst leben, Tonnchen!' Dazu ist mir unser Cousinchen zu schade!«