9.
Die Augustsonne brannte mit sengenden Strahlen vom Himmel herab, auf den Roggenfeldern stand der liebe Erntesegen schon in Hocken. Nur der Weizen war noch zu schneiden und der Hafer, aber Gott allein wußte, ob die reife Frucht noch im Frieden in die Scheuern kommen würde. Allerhand wilde Gerüchte schwirrten in der Luft, flogen von Mund zu Mund. Und das abergläubische Landvolk sah unheilkündende Zeichen. Die Kraniche zogen früher als in anderen Jahren nach dem Süden, in dem Sternbilde des Bären stand eine feurige Rute. Mit bloßem Auge war sie noch schwer zu erkennen, aber sie wuchs und wurde größer wie damals im Kriegsjahre siebzig.
Da ließen auch die Besonnenen sich hinreißen, und ein dumpfer Zorn sammelte sich allmählich in der Bevölkerung des Grenzlandes gleich einer Gewitterwolke. Was sollten diese immer neuen Beunruhigungen von rechts und links, von denen man in der Zeitung las; konnte man nicht in Frieden nebeneinander leben? Auch dem Langmütigsten lief einmal die Galle über, und dann gab es Kleinholz ringsum. Aber wenn schon einmal abgerechnet werden mußte, dann bald! Damit es endlich Ruhe gab. Den ewigen Alarmzustand hielt niemand mehr aus.
Die fünfte Schwadron der Ordensburger Dragoner war auf Felddienstübung nach der Grenze zu. Patrouillen ritten im Vorgelände, brachten Meldungen von dem weitaus stärkeren Feind, der durch einen Rekognoszierungsvorstoß zu vorzeitiger Entwicklung gebracht werden sollte. Der Befehl, den der Führer erhalten hatte, war kurz und entsprach dem Ernstfalle, wie alle Uebungen, die der Oberstleutnant Harbrecht ansetzte. Fliehende Landbewohner hatten die Meldung gebracht, daß der Feind über die Dombrowker Berge im Anmarsch wäre. Rittmeister von Foucar bekam den Auftrag, seine Stärke und Zusammensetzung zu erkunden. Da traf er nach kurzer Ueberlegung seine Maßnahmen, ließ die Schwadron antraben.
Während er an der Tête ritt, fuhr es ihm durch den Sinn, daß der jüngere Leutnant Gorski ihm in der vorgestrigen Nacht eine Art von Versprechen gegeben hatte. Ein Versprechen, das er am nächsten Morgen wahrscheinlich schon wieder vergessen hatte. Nichts deutete darauf hin, daß er ihm vielleicht etwas zu sagen hatte. Gelegenheit dazu wäre reichlich genug gewesen, als die Schwadron noch auf dem Kasernenhofe hielt. Er brauchte ja nur zu sagen: »Herr Rittmeister, ich war gestern in Kalinzinnen, habe Grüße zu bestellen.« Statt dessen hatte er, wie ihm scheinen wollte, geflissentlich zur Seite gesehen, als er mit fragendem Blick sein Auge suchte. Und es war schließlich erklärlich. Der Tag hatte ein anderes Gesicht als die Nacht – in der Nacht versprach man manches, was man im hellen Tageslichte nicht halten konnte, weil sich dann die kühlen und nüchternen Erwägungen einstellten. Das wußte er selbst am besten ...
Die Schwadron hatte den Beldahner Wald hinter sich, das Gelände wurde übersichtlicher. Im Hintergrunde standen die Dombrowker Berge, eine kahle Hügelkette, über deren Kamm die Grenze führte. Davor Oedland mit Wacholderbüschen, links im weiten Bogen eine zwanzigjährige Kiefernschonung, deren Rand von Infanterie besetzt war. Als die linke Seitenpatrouille der in Zugkolonne reitenden Schwadron auf dreihundert Schritt heran war, bekam sie Feuer. Eine Reihe blauer Uniformen tauchte auf, eine helle Kommandostimme klang klar herüber: »Auf die hinter der Patrouille anreitende Kavallerie ... Visier achthundert Meter ... Schnellfeuer ...« Leichte Wölkchen hoben sich am Waldrande, ein seltsames Knattern war vernehmbar wie das Rasseln einer Maschine.
Gaston hob den Säbel, ließ rechtsum Kehrt schwenken, bis die Schwadron hinter einer Bodenwelle in Deckung war. Der erste Halbzug saß ab, eröffnete unter Begleitung von drei Flaggen, die die beigegebene Infanterie markierten, ein heftiges Feuer, das den Feind zur weiteren Entwicklung nötigen sollte. Aus einer Schlucht zwischen zwei Hügeln in der Front quoll Kavallerie, formierte sich in der Vorbereitung zur Attacke in Linie, auf dem Berge halb rechts zeigten sich gelbe Flaggen. Zwei Batterien Artillerie stellten sie vor.
Da lachte Gaston kurz auf, es gab Gelegenheit, ein schneidiges Reiterstücklein auszuführen, das durchaus im Sinne der Uebung lag. Nicht umsonst hatte er in den vergangenen Wochen das Gelände an der Grenze durchstreift zu Rade oder im Sattel. Rechts von der Senkung, in der er hielt, führte eine breite Schlucht, die gedecktes Anreiten gestattete, in die Flanke der feindlichen Artillerie. Nur dreihundert Schritt ungefähr waren zum Schluß mit »Marsch, Marsch, Hurra!« zu durchreiten in offenem Feld, um sie zu überrennen und zu vernichten. Und im Ernstfalle hätte wohl mehr da oben gestanden als zwei plundrige Batterien, ein Schlag hätte es werden können, der den ganzen Erfolg des ersten Vorstoßes zum Scheitern brachte.
Die Meldungen über das bisher Gesehene gingen nach hinten an den dicken Major von Schnakenburg, der auf dieser Seite die Uebung »beschiedsrichterte«, wie der respektlose Leutnantsausdruck diese Tätigkeit nannte. Um die in der Front anreitende Kavallerie kümmerte sich Gaston nicht. Die machte zunächst 'mal einen »Luftstoß«, weil er mit seinen hundert Männerchen nämlich nicht mehr da war. Weiter hinten aber geriet sie in das Feuer der Infanterie, das freilich nur durch einige geschwenkte Flaggen markiert wurde.
Das Kommando ging durch halblaute Zurufe weiter, die Schwadron trabte an in Zugkolonne, die Schlucht war breit genug. Sie öffnete sich zu einem Hange, der zu der Bergkuppe führte. Gaston schwenkte den Säbel, ließ die Eskadron in Linie aufmarschieren, und dann klangen die Kommandos, die Trompetensignale schmetterten.