Er schloß hinter sich die Tür, Annemarie lehnte mit geschlossenen Augen an der Brust ihres Verlobten, die beiden anderen in dem halbdunklen Zimmer standen schweigend. Wie ein aus heiterem Himmel plötzlich hereinbrechendes Gewitter war das eben gekommen ...
Nach einem kleinen Weilchen kratzte Herr von Lüttritz sich den Kopf: »Verflucht, verflucht! Wenn man das hätte voraussehen können.«
Seine Gattin fuhr auf.
»Ah nein! Das alles ist doch Unsinn! Wohin sollen wir denn kommen, wenn ein junges Mädchen sich nicht mehr frei entschließen kann, ohne daß der abgewiesene Freier sofort mit der Pistole herumfuchtelt? Aber wir stehen und schwatzen, und das arme Mädel kommt nicht wieder zu sich.« Frau von Lüttritz eilte hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einer Flasche Kölnischen Wassers zurück. Gaston hatte die immer noch Bewußtlose zum nächsten Stuhle getragen, erst unter den Bemühungen der Frau von Lüttritz kam sie wieder zu sich. Aber es dauerte eine Weile, bis sie sich entsann, was eben geschehen war. Da entschuldigte sie sich bei ihrer Freundin wegen der Ungelegenheiten, die sie ihr bereitete. Sonst wäre es nicht ihre Art, gleich einem nervösen Pensionsfräulein in Ohnmacht zu fallen. Und mit einem matten Lächeln fügte sie hinzu, das läge wohl daran, daß sie in den letzten vierundzwanzig Stunden vor Zorn, Aufregung und Bangen keinen Bissen über die Lippen gebracht hätte.
Herr von Lüttritz lachte geräuschvoll auf, bedeutete dem neben ihm stehenden Rittmeister von Foucar durch einen heimlichen Rippenstoß das gleiche zu tun.
»Ha ha, ja natürlich ... und dann auf den nüchternen Magen 'ne Verlobung ... zu komisch ist das! Na dann, Lottchen, sorg dafür, daß unsere kleine Freundin 'was zu essen kriegt. Wir aber, lieber Foucar, lassen die beiden Damen wohl jetzt allein. Vielleicht holen Sie Ihr Fräulein Braut in einer Stunde ab, um mit ihr nach Kalinzinnen zu fahren. Zu dem zunächst ergrimmten, dann aber in Rührung zerschmelzenden Herrn Schwiegerpapa.«
Annemarie streckte ihrem Verlobten die Hand entgegen. »Es wird nicht so schlimm werden – dazu hat er mich viel zu lieb.« Herr und Frau von Lüttritz hatten sich diskret abgewandt, da stand sie auf, bot Gaston ohne Zieren die Lippen. Dann aber raunte sie an seinem Ohr: »Verzeih', daß ich mich vorhin so fortreißen ließ! Es war viel Angst dabei, sie könnten uns wieder auseinander bringen. Und weißt Du, wann ich mich in Dich verliebt habe? Als Du mir in der Eisenbahn damals das Buch aufhobst. Deine lieben blauen Augen hatten es mir angetan.«
Er nahm sich gewaltsam zusammen, obwohl es ihn wie ein körperlicher Schmerz durchzuckte. Diese selben Worte hatte vor langen Wochen eine andere gesprochen. Oder geschrieben, das wußte er nicht mehr genau. Aber mit diesen sentimentalen Erinnerungen mußte es endlich aus sein. Er war doch kein Verbrecher, dem bei jeder Gelegenheit das Gewissen schlagen mußte.
Herr von Lüttritz hatte seinen Gast bis auf die Straße hinausbegleitet.
»Gott sei Dank,« sagte er, »Fräulein von Gorski scheint es gar nicht gehört zu haben, daß der ältere Brinckenwurff Ihnen ans Leder will. Und es ist gut so, daß sie sich nicht unnütz beunruhigt. Mein liebes Lottchen hat mir vorhin den Denkapparat geschärft. In diesem Falle wäre es wirklich Unsinn, wenn Sie sich ihm stellen wollten. Sie können doch – weiß Gott – nichts dafür, daß Herr von Brinckenwurff sich bei Fräulein von Gorski einen Korb geholt hat. Also werde ich mir meinen besten Frack anziehen und zum Kommandeur steigen. Ich schätze, er wird danach Gelegenheit nehmen, den eigentlich törichten Konflikt im Keim zu ersticken.«