Die Eisen seines Irländers klapperten auf dem holperigen Steinpflaster, ganz unversehens flog ihn eine Erinnerung an. An die Szene, die ihm vor Wochen die alte Hexe gemacht hatte in seiner Wohnung in der Rankestraße. Allerhand Drohungen hatte sie ausgestoßen, wenn er Josepha die Treue bräche. Darüber lachte er natürlich, heute wie damals. Was sollte sie ihm anhaben? Das Unheil kam schon ganz von selbst, aber von anderer Seite. Das liebe blonde Mädel war ein wenig zu temperamentvoll gewesen. Und er hatte für sie einzutreten, denn sie war seine Braut. Nur er hätte sich für solche Fälle eifriger im Pistolenschießen üben sollen. Darin war er kein sonderlicher Held ... genau wie sein Vater damals, als er für die hohe Dame eintrat, deren Kavalier er war ...
Das Häuschen, das der pensionierte Kanzleibeamte auf der anderen Straßenseite erbaute, war schon halb fertig. Ueber den unverputzten Ziegelmauern hoben sich die Dachsparren, eine Richtkrone hing am Giebel. Der Besitzer stand am Zaun und dienerte mit abgenommener Mütze. Während Gaston die Rechte dankend an den Helmrand hob, glaubte er in einer der noch unverglasten Fensteröffnungen ein gelbes Frauenantlitz zu erblicken, mit einem bunten Kopftuch darüber. Ein eiskalter Schauder flog ihm über den Rücken in der Glut des Spätsommertages, aber das lag bloß an seinen überreizten Nerven. Bunte Kopftücher wurden von fast allen masurischen Bauernweibern getragen. Nur die Art des Bindens war eine andere, aber darin hatte er sich vielleicht getäuscht. Als er schärfer hinblickte, war das gelbe Gesicht in der Fensteröffnung da drüben verschwunden.
10.
Der alte Herr von Gorski auf Kalinzinnen hielt neben einem gewaltigen Getreidestoggen auf freiem Felde, der langsam in den Rachen einer mit Dampf betriebenen Dreschmaschine wanderte. Oben fielen die körnerbeschwerten Garben hinein, die kleinen Hämmer rasselten und trommelten. In einem einzigen Strom rieselte der grauglänzende Erntesegen in die bereitstehenden Säcke, die Spreu türmte sich zu Haufen, und die leergedroschenen Bunde wanderten auf einem Riemengang zur Seite, um von zulangenden Händen zu einem neuen Stoggen getürmt zu werden.
Das nach dem alten Preußengotte Perkuhn benannte Leibroß, ein Gaul von der Größe und Stärke eines Kürassierpaukenpferdes, stand ruhig unter der schweren Last seines Herrn. Nur von Zeit zu Zeit prustete es schnaubend, wenn ihm die feinen Getreidespelzen, die der Luftzug von der Maschine herüberbrachte, in die Nüstern fuhren.
Herr von Gorski sah auf den rieselnden Strom der Roggenkörner, aber er hatte an dem über alles Erwarten reichlich ausfallenden Segen keine rechte Freude. Wie lange mochte es noch dauern, so erwog er in sorgenden Gedanken, daß auf diesem Boden hier in Frieden gesät und geerntet wurde? Die Sturmzeichen mehrten sich. Von dem Vorstande seiner Partei hatte er die vertrauliche Mitteilung empfangen, die Regierung bereite eine Heeresverstärkung vor, die an die Opferwilligkeit des ohnedies mit Steuern überlasteten Volkes bisher unerhörte Anforderungen stellen würde. Und es gälte, die Vertrauensmänner im Kreise zu überzeugen, daß diese Verstärkung nichts anderes wäre als die notgedrungene Antwort auf im Kommen begriffene Rüstungen der Nachbarn. Vielleicht, daß es dadurch gelänge, den Zusammenstoß noch um einige Zeit hinauszuschieben. Und das verdroß den alten Herrn, dem von den reisigen Vorfahren her streitbares Blut in den Adern floß. Viel würdiger wäre es ihm erschienen und zugleich richtiger, wenn der Michel mit der starken Faust auf den Schild gehauen hätte: »Hier heran, so Ihr was von mir wollt! ... Krieg? ... Ist mir recht! Lieber als diesen faulen Frieden, an dem wir uns langsam verbluten. Und dieses heimliche Spinnen im Dunkeln wird auf die Dauer unerträglich!«
Und von den Sorgen um die leidige Politik kam der alte Herr zu denen im eigenen Hause ... In vierzehn Tagen sollte seine Tochter sich dem Manne verloben, den er ihr schon vor langer Zeit ausgesucht hatte. Weil er ihn für tüchtig hielt und an seiner Seite das geliebte Kind nicht zu entbehren brauchte. Da drüben hinter dem blauen Streif des Waldes hob sich der alte Turm des Schlosses Orlowen. Zweimal am Tage konnte er hinüberreiten, wenn ihn die Sehnsucht trieb, die Sehnsucht nach dem lieben blonden Mädel, das in seinem einsamen Herzen ein Sonnenstrahl gewesen war. Der zukünftige Bräutigam konnte den Tag kaum erwarten, an dem er endlich das Jawort erhielt. Sie aber entzog sich ihm, so oft sie nur konnte. Ging mit verschlossenem und verhärmtem Gesicht herum, als trüge sie an einem geheimen Kummer, und gab auf besorgte Fragen ausweichende Antworten.
Ein paar Tage nach der Rückkehr aus der Königsberger Klinik hatte es damit angefangen. Vorher war sie ein lustiges und unbekümmertes Mädel gewesen, hatte an seinem mehr langweiligen als schmerzhaften Lager geplaudert wie ein Starmatz, vorgelesen und gesungen, um ihm die Zeit zu kürzen, alles in überquellender Laune und Lebensfreudigkeit. Ordentlich hell wurde es jedesmal in dem nüchternen Zimmer, wenn sie hereinkam, und jetzt ging sie herum wie ein Schatten von dem, was sie früher gewesen war. Da forschte er natürlich nach der Ursache dieser Veränderung, aber der Verdacht, den er zuerst gefaßt hatte, bestätigte sich, Gott sei Dank, nicht. Aus dem interessanten und so vielbesprochenen Herrn von Foucar, den sie auf der Reise damals kennen gelernt hatte, machte sie sich nichts. Im Gegenteil, sie meinte, daß ihr das Verhalten der Ordensburger Weiblichkeit recht unwürdig und unbegreiflich vorkäme. Von ihrer Freundin Lüttritz hätte sie gehört, daß verschiedene junge Damen der Gesellschaft, die Töchter des Gymnasialdirektors, des Landgerichtspräsidenten und noch etliche andere ihre Spaziergänge jetzt zum Polnischen Tor hinaus unternähmen, an dem Häuschen des Rittmeisters von Foucar vorbei, statt wie früher nach dem nahen Beldahner Walde. Geradezu verächtlich wäre das, sich so anzubieten. Das nahm er mit Befriedigung zur Kenntnis, aber es brachte ihn der Lösung, weshalb sein liebes Mädel nun eigentlich das Köpfchen hängen ließ, nicht näher ...
Und seine Gedanken flogen in eine Zeit zurück, in der er an einer anderen diese augensichtliche Veränderung des Wesens wahrgenommen hatte von ausgelassener Laune zu Trübsal, bis er nach langer Unsicherheit zu der trostlosen Gewißheit gekommen war. Aus einer lächerlichen Ursache war er an jenem Morgen von der Fahrt zur Treibjagd wieder umgekehrt. Weil er in der Eile des Aufbruches vergessen hatte, sich mit Zigaretten zu versorgen. Da ließ er den Wagen am anderen Parkende halten, eilte zu Fuß ins Haus zurück. Und erst das erschreckte Gesicht seines Dieners, eines schuftigen, bestochenen Kerls, löste in ihm den entsetzlichen Verdacht aus. Da rannte er nach dem Schlafzimmer, die Tür war verschlossen. Unter einem Fußtritt brach sie in Splitter, ein Glück war es, daß er keine Waffe bei sich hatte. Die Frau schrie gellend auf in Todesangst, der Baron Totberg verneigte sich lächelnd.
»Keine unnützen Emotionen, Herr von Gorski, ich stelle mich Ihnen zur Verfügung. Ich war im Begriff, Ihre Frau Gemahlin zu fragen, ob sie die Meine werden wollte. Ort und Zeit sind ein wenig ungewöhnlich, ich gebe es zu, aber es dürfte sich empfehlen, keine Katastrophe zu veranstalten, sondern mich in ordnungsmäßigem Verfahren hinzurichten. Andernfalls würde ich mich zur Wehr setzen, und der Skandal würde zum Himmel stinken.«