Da ließ er ihn schweigend den Rückzug gewinnen durch das Balkonfenster in den Park. Die Frau warf sich ihm schreiend zu Füßen. Sie könnte nichts dafür, wie ein Blitz wäre es in ihre Seele gefahren, als sie den anderen zum ersten Male erblickte. Sie hätte mit sich gerungen in namenloser Qual, aber die Leidenschaft wäre stärker gewesen als die Pflicht gegen Mann und Kind. Und dann hatte er seine Rache genommen. Den Verführer fraßen schon lange die Würmer, die Frau aber trieb sich als eine Ausgestoßene in der Welt herum. Herzzerreißend waren ihre Briefe ... Das letzte Geld hatte er nach Rußland geschickt, wo sie bei Verwandten einen kärglichen Unterschlupf gefunden hatte, das bittere Brot der Fremde aß und sich noch immer mit Selbstvorwürfen zerfleischte, daß sie damals nicht genug Charakterfestigkeit besessen, gewissenlosen Einflüsterungen Widerstand zu leisten. Das waren nachträgliche Ausreden, gewiß. Doch ab und zu kamen ihm wohl Gedanken, die mit den altüberkommenen Selbstverständlichkeiten schwer vereinbar waren. Ob es damals nicht besser gewesen wäre, dem bunten Vogel, der sich bei ihm langweilte, die Freiheit zu geben? Statt den niederzuschießen, von dem sie sich aus ungewohntem, einförmigem Dasein eine Erlösung erhoffte. Er hatte damals vielleicht auch manches verabsäumt bei der an Zerstreuungen aller Art gewöhnten jungen Frau, die ihm aus geräuschvollem Leben in die Einsamkeit gefolgt war aus Liebe ... Darum spähte er manchmal sorgenvoll das Wesen seiner Tochter, ob sie von diesem flatterhaften und unruhigen Sinn vielleicht etwas geerbt hätte, sich gleich der Mutter einem posierenden Blender ohne Widerstand gefangen geben könnte.
Und heute sprang ihn zum ersten Mal eine Wahrnehmung an, daß ihm vor Erregung die den Zügel haltende Hand zitterte: genau so war es damals gewesen! Da hatte auch eine über die Damen des Städtchens, die sich dem interessanten Fremden würdelos anboten, höhnisch und verachtungsvoll gespottet, weil sie selbst sich in Eifersucht verzehrte. Aber das war doch Unsinn, sein liebes Mädel hatte diesen Herrn von Foucar nur ein einziges Mal gesehen! Und der hatte es nicht einmal für nötig befunden, der Einladung von Annemarie zu folgen, der Einladung, mit der er damals so wenig einverstanden gewesen war, daß er es unterlassen hatte, sie zu bestätigen ...
Ueber die kahlen Roggenstoppeln kam von Orlowen her ein Reiter gerast, als gälte es, in einem Jagdrennen den ersten Preis zu gewinnen. Dem Gaul flog der weiße Schaum von der Gebißstange, auf drei Schritt Entfernung riß ihn der Reiter zusammen, daß er in der Hinterhand einknickte, sich rücklings fast überschlagen hätte. Im Sattel saß Hermann von Brinckenwurff, sein Gesicht war verstört, die Augen lagen ihm tief im Kopfe.
»Jetzt weiß ich Bescheid, weshalb sie immer nicht mit Ja oder Nein 'rausrücken wollte!« schrie er ohne jede Einleitung neben der geräuschvoll arbeitenden Dreschmaschine. »Annemarie hat sich eben mit dem Rittmeister von Foucar verlobt!«
Dem alten Herrn griff eine kalte Hand nach dem Herzen, aber er bezwang sich mühsam.
»Junge, ich glaub', Du bist nicht recht bei Trost! Sie hat ihn meines Wissens doch nur ein einziges Mal gesehen?!«
»Das ist in diesen modernen Zeiten vielleicht genug! Die Frauenzimmer hier rennen ihm ja alle nach, wie verrückt benehmen sie sich. Wie die Hühner, wenn man einen fremden Hahn zwischen sie gesetzt hat. Da wackeln sie alle kokett mit dem Pürzel und ersterben in Zerflossenheit, nur weil er ein paar ausländ'sche Federn trägt!«
Herr von Gorski winkte dem Erregten, ihm ins Feld hinaus zu folgen, und legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter.
»Na na na, Hermann! Ich will's Deiner Erregung zugute halten, aber so spricht man nicht von meiner Tochter! Und jetzt klar und deutlich, was ist los?«
Der Lange, der neben ihm ritt, schluckte auf.