Der alte Herr fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Mir ist das eben wie ein Gußregen über den Kopf gepladdert. Du wirst begreifen, daß ich im Augenblick keinen Entschluß fassen kann. Nur eins darfst Du glauben: wenn meine Tochter Dich zu Unrecht schlecht behandelt hat, aus einer unerfindlichen Laune, gibt's kein Erbarmen. Launen gibt's nicht, wenn Du Dir nichts vorzuwerfen hast ... na, ist gut!«

Auf der Freitreppe, deren schlanke Säulen von hundertjährigem Efeu überwuchert waren, standen zwei Hand in Hand. Annemarie und der Rittmeister von Foucar. Herr von Gorski schwang sich aus dem Sattel, stieg mit finsterer Stirn die Stufen empor.

»Herr von Foucar, ich glaube zu wissen, weshalb Sie hier sind. Ich sage Ihnen gleich, ich bin dessen nicht froh. Ehe ich Ihnen jedoch die Antwort gebe, muß ich ein paar Worte mit meiner Tochter sprechen.«

Der wartende Reitknecht hatte den alten Perkuhn nach dem Stall geführt. Hermann von Brinckenwurff hielt noch im Sattel, die drei anderen standen auf der Freitreppe. Annemarie preßte einen Augenblick lang die Hand auf die Brust, dann trat sie vor.

»Lieber Vater, ich glaube, es wird nicht nötig sein, daß Herr von Brinckenwurff sich hier noch länger aufhält. Ich wundere mich, daß er die Stirn hat, mir unter die Augen zu treten, nach dem, was ich seinem Bruder gesagt habe.«

»Liebe Annemarie,« warf der im Sattel ein, »das sind doch törichte Klatschereien ...«

»Ah nein, sondern die Wahrheit, die schimpfliche Wahrheit! Durch einen blöden Zufall habe ich sie erfahren von zwei Mägden, die im Garten Bohnen pflückten, ohne mich zu sehen. Die unterhielten sich über das Schicksal, das mir bevorstände als Gattin des Orlower jungen Herrn. Und jetzt helf' mir Gott, wenn ich zwischen Euch Männern nicht zimperlich spreche wie ein junges Mädchen, das von nichts eine Ahnung hat. Ich bin ja kein Kind mehr! Mit allem, was lange Zöpfe trüge in Orlowen, hätte ich die Gunst meines zukünftigen Herrn Gemahls zu teilen, vom Stubenmädchen bis hinauf zur Mamsell! Ich flog am ganzen Körper, aber hielt mich still, um noch mehr zu hören. Und eine Stunde später ritt ich nach Orlowen und fischte mir die Mamsell. Erst leugnete sie, dann wurde sie frech. Ich sollte mir auf meine Schönheit nur nichts einbilden. Der junge Herr fände sie viel schöner und hätte ihr versprochen, sie gleich nach der Verheiratung wieder nach dem Hof zu bringen, wenn seine unbequeme alte Dame nach der Uebergabe des Gutes nichts mehr zu sagen hätte! Da spie ich aus und schrieb Dir, Hermann, den Absagebrief. Und jetzt verantworte Dich, wenn Du kannst!«

Der im Sattel lachte verlegen auf. Das Spiel war verloren, jetzt galt es nur, einen nicht unrühmlichen Rückzug zu gewinnen.

»Weißt Du, Annemieze, man sollte es kaum glauben, daß Du ein Mädel vom Lande bist! Das ist doch überspannter Kram, und nenn' mir nur einen der Herren in unserem Kreise, der als Lediger ...«