Herr von Gorski antwortete mühsam: »Das ist eine gedankenlose Frechheit gewesen, mein Kind, nichts weiter. Weil die Brinckenwurffs sich bekanntlich einbilden, sie wären mit dem lieben Herrn Jesus Christus zugleich in dieses heidnische Land gekommen!« Und nach einer kleinen Pause der innerlichen Sammlung fuhr er fort: »Herr von Foucar, ich bitte Sie, mir es nachzusehen, wenn ich Sie jetzt nicht als Gast in mein Haus lade. Ich muß mich erst selbst zurechtfinden, ehe ich einen Entschluß fassen kann.«

Gaston verneigte sich respektvoll.

»Sehr wohl, Herr von Gorski. Es wird sich eine Stunde finden, in der Sie die Güte haben werden, mir zuzuhören. Ihr Fräulein Tochter hatte die Gnade, meiner Werbung Gehör zu schenken. Morgen werde ich anfragen, wann Sie für mich zu sprechen sind.«

Herr von Gorski nickte schweigend, Annemarie bot ihm die Hand zum Kusse. In ihren Augen glaubte er jedoch eine leichte Enttäuschung zu lesen. Aber er konnte ihr nicht helfen. Es wäre gar leicht gewesen, sich einen effektvollen Abgang zu sichern. Sich als ein Edelmütiger aufzuspielen, der es als seine Pflicht ansähe, für den Vater des geliebten Mädchens in die Bresche zu treten. Das war eine Selbstverständlichkeit, über die sprach man nicht. Und als ihn der Kalinzinner Sandschneider, aus dem er jetzt die Zügel führte, in schneller Fahrt zum Städtchen zurücktrug, überlegte er, wie er am raschesten wohl dem Herrn von Brinckenwurff die Forderung zustellen könnte, ehe ihm der alte Herr zuvorkäme.

Persönlich nach Orlowen zu fahren und mit ein paar kurzen Worten Ort und Zeit festzusetzen, ging nicht an. Nach altüberkommenem Brauche, der in manchen Fällen vielleicht lächerlich sein mochte, aber an dem man nicht zu rütteln hatte. Und da fiel ihm ein, daß er auf halbem Wege zur Stadt die Möglichkeit hatte, den Rittmeister v. Lüttritz telephonisch anzurufen, er möchte ohne jede Zeitversäumnis nach Orlowen reiten, dem Herrn von Brinckenwurff die Forderung zu überbringen. Wegen einiger unziemlicher Worte, die er sich Fräulein von Gorski gegenüber herausgenommen hätte. Dann war die Angelegenheit erledigt, und Annemarie brauchte sich nicht um ihren alten Vater zu sorgen.

Unter den rostbraunen Kiefern des Beldahner Waldes, zwischen denen die sandige Straße hinführte, stand die sonnendurchglühte Luft wie in einem Backofen. Der nur unwillig trabende Gaul hatte nasse Flanken, unter dem Riemenzeug bildete sich weißlicher Schaum, und Hunderte von blutgierigen Bremsen schwirrten ihm um die Stellen, an denen er wehrlos war. Gaston versuchte, ihm mit der Peitsche zu helfen, so gut es ging, sobald er aber in Schritt fallen wollte, trieb er ihn unbarmherzig vorwärts. Er hatte keine Zeit zu verlieren, wenn er dem alten Herrn zuvorkommen wollte.

Und wie den armen Gaul die Bremsen, stachen ihn die Gedanken. Daß nach allem menschlichen Ermessen sein Glück nur kurzen Bestand hatte – morgen um diese Zeit war er schon ein toter Mann. Weil der andere aus seiner Kaste in der Handhabung der Waffe mehr Uebung besaß. Er selbst hatte vor wichtigeren Aufgaben dazu keine Zeit gehabt. Ein junger Herr, dessen reichliche Mußestunden ihm gestatteten, sich zu einem Virtuosen im Pistolenschießen herauszubilden, schoß ihn morgen über den Haufen. Einer, dessen Leben für die Allgemeinheit so unbeträchtlich war, als wenn da um den schwitzenden Gaul eine Bremse mehr flog oder weniger, streckte einen Mann in den Sand, der in schweren Zeiten dem Vaterlande vielleicht Nützliches hätte leisten können. Verrückt war das, wenn man sich die Anschauungen derer zu eigen machte, die, von keiner Tradition beschwert, an jedem durch Jahrhunderte geheiligten Brauch zersetzende Kritik übten. Entweder gehörte man zu der Kaste, die den Begriff der persönlichen Ehre mit besonderen Gesetzen umschrieben hatte, oder man stand draußen. Ein Aussuchen von Fall zu Fall gab es da nicht. Und eine unwillige Regung erhob sich in ihm gegen sich selbst, daß er auch nur einen Augenblick lang eine Anwandlung gehabt hatte, die, genau besehen, reichlich nach Feigheit schmeckte. Als wenn er nach einem Auswege gesucht hätte. Eins aber konnte ihm niemand verwehren, daß er mit Trauer daran dachte, das Leben aufs Spiel setzen zu müssen, als es eigentlich erst anfing. Das Leben voll von Glück, von dem er zuweilen in müßigen Stunden geträumt hatte ...

Vor einer kurzen Weile erst hatte er einen Vorgeschmack von den Seligkeiten bekommen, die seiner vielleicht gewartet hätten. Als er auf dem Heimwege mit seiner langen und aufrichtigen Beichte fertig gewesen war. Da hatte die neben ihm sitzende Annemarie geantwortet: »Was soll ich dazu sagen? Du hast mich damals doch nicht gekannt. Wir alle gehen durch Irrtümer. Ehe ich Dich kannte, gab es Zeiten, in denen ich mit meinem Los ganz zufrieden war.« Und, weil sie mit den Zügeln in der Hand auf den Weg passen mußte, neigte sie sich nur ein wenig zur Seite und bot ihm die Wange. Ihm aber weitete sich die Brust unter einem bisher nicht gekannten Gefühl. Von aller Erdenschwere befreit flog man dahin in einer einzigen Glückseligkeit ...

Zwischen grünen Tannenwipfeln leuchtete ein rotes Ziegeldach. Die Waldschenke neben den Schießständen, von denen in kurzen Zwischenräumen gellende Kugelschläge durch die Mittagsschwüle drangen. Wie scharfes Peitschenknallen. Der Wirt Burdeyko, ein hagerer kleiner Mann mit ausdrucklosem Gesicht, kam eilig durch den Garten, als das Fuhrwerk mit dem schaumbedeckten Gaul auf der Straße hielt.

»Guten Tag, Herr Rittmeister. Was steht zu Diensten?«