Gaston vermochte im ersten Augenblick nicht zu antworten. Aefften ihn seine erregten Nerven, oder war das Wirklichkeit, was er eine Sekunde lang hinter einem rasch wieder vorgezogenen Fenstervorhang zu sehen geglaubt hatte? Ein gelbes Gesicht mit einem bunten Kopftuch darüber, anders geknüpft, als es hier die Bauernfrauen trugen. Er deutete mit der Peitsche nach dem Hause.

»Was ist das für ein altes Weib in Ihrer Wohnstube, Herr Burdeyko?«

Der andere blickte erstaunt auf.

»Wie meinen der Herr Rittmeister? Ein altes Weib? Da müssen Sie sich versehen haben. Nur mein Kellnerjunge ist im Hause. Sonst keine Menschenseele.«

»So, nicht? Na, ist gut! Kann ich bei Ihnen ungestört telephonieren?«

»Aber gewiß doch, Herr Rittmeister. In der Zelle neben meinem Kontorchen. Ich hab' ja auch manchmal nötig, was zu sprechen, wo kein andrer was davon hören darf.«

Gaston gab die Zügel dem hinter ihm sitzenden Kutscher und ging über den kiesbestreuten Gartenweg mit einem Angstgefühl im Herzen, das ihm den Schweiß aus allen Poren trieb. War er denn im Begriff, verrückt zu werden, weil er am hellen Tage Spukgestalten sah? Wenn er sich vielleicht auch beim ersten Male getäuscht haben konnte, diesmal erschien es ihm fast unmöglich. Wenn er sich eben nicht in einem Zustande befand, in dem man Halluzinationen hatte? Ganz deutlich hatte er das Gesicht gesehen, das ihm damals von der Begegnung in der Rankestraße im Gedächtnis geblieben war ... Da beschloß er, sich Gewißheit zu schaffen. Ohne sich an das verwunderte Gesicht des Wirtes zu kehren, durchschritt er rasch die Räume der Schenke, stieg in den niedrigen Keller und blickte auf den Hof hinaus. Wenn außer dem Gläser spülenden Kellner jemand im Hause gewesen wäre, hätte er ihn sehen müssen ... Ein Schauder flog ihm über den Rücken wie am Vormittag, diesmal aber von anderer Art. Vor sich selbst bekam er Angst und er fing an zu zweifeln, ob er noch nach klaren Erwägungen handelte ...

Das Fräulein auf dem Amte weigerte sich zunächst, die Verbindung herzustellen, wegen drohender Gewittergefahr. Es bedurfte erst einigen Zuredens und des Hinweises, daß es sich um eine wichtige militärische Meldung handle. Dann aber pochte und knatterte es in dem Apparat, er vernahm wohl, daß der Rittmeister von Lüttritz am andern Ende sprach, aber eine Verständigung war unmöglich. Da gab er es auf, die erhoffte Zeitersparnis war ärgerliche Versäumnis gewesen.

Als er wieder zu seinem Fuhrwerk kam, meldete Herr Burdeyko, soeben wäre ein ganzer Wagen mit Herren vom Dragonerregiment vorübergefahren, dazwischen die beiden Herren von Gorski.

»Schade,« sagte Gaston, »den jüngeren hätte ich gerne gesprochen,« und stieg in den Kutschiersitz. »Na, dann los, Braunerchen.«