»Ja, gnädige Frau, ich weiß nicht ... also gut, ich hatte mich gewundert, daß Sie so rückhaltlos zu mir sprachen. Ueber Dinge, die man sonst ... na, und da versuchte Herr von Wodersen, mir das zu erklären. Ich hätte mir darauf nichts einzubilden, weil Sie immer aussprechen würden, was Sie gerade denken. Aus unbedingter Wahrheitsliebe oder – ich weiß nicht recht mehr – aus Bequemlichkeit ...«
Frau Josepha sah sinnend geradeaus.
»Ich weiß es selbst nicht. Als Kind hab' ich vielleicht zu wenig Schläg' gekriegt. Ich war ein arg verzogener Fratz ... Aber in einem hat er unrecht, der Herr von Wodersen nämlich: Sie dürfen sich doch was drauf einbilden! Ich war furchtbar ärgerlich und verstimmt. Jeder andere hätte Grobheiten zu hören gekriegt, aber bei Ihnen war mir's halt so, als müßt' ich Ihnen erklären, weshalb ich so verstimmt war ...«
»Komisch,« mußte er unwillkürlich denken, »das eitle kleine Frauenzimmer da bildet sich wahrhaftig ein, es wäre so etwas wie der Mittelpunkt der Welt.«
Frau Josepha setzte sich hinter das Steuer, er nahm zu ihrer Linken Platz, der Chauffeur drehte die Kurbel an und sprang auf den langen Seitentritt.
»Wir haben nur ein paar Minuten zu fahren,« sagte sie, lenkte den schweren Wagen durch eine Lücke der die breite Heerstraße entlangziehenden Fuhrwerke in freie Bahn. »Und auf das, was Sie eben gedacht haben, antwort' ich Ihnen zu Hause. Jetzt muß ich aufpassen ...«
Sie brach ab. Eine Droschke kam angejagt, deren Lenker anscheinend die Gewalt über sein Rößlein verloren hatte. Haarscharf bog das Auto an den schleudernden Rädern vorbei. Da verfiel sie zornig in ihren heimatlichen Dialekt: »Kruzitürk'n, hätt grad no g'fehlt! A Schlamperei is das, und, Karl,« rief sie dem Chauffeur zu, »merken S' sich die Nummer von der Droschken! So a Kerl, dem a lahme Zieg'n durchgehn tut, muß den Fahrschein verlieren.«
Die Villa Rheinthaler lag in einer Seitenstraße der Königsallee, inmitten eines großen Parkes, den dichtes Buschwerk und ein hohes Eisengitter gegen zudringlichen Einblick der Vorübergehenden verschlossen. Schlanke Kiefern hoben sich aus weiten Rasenplätzen, seltene Zierbäume vereinigten sich zu Gruppen, aus einem Teppich bunter Blumenbeete sprang der mächtige Strahl einer Fontäne. Als die Autos in die Auffahrtsrampe lenkten, eilte ein halb Dutzend Diener herbei, die Ankommenden in Empfang zu nehmen.
»So,« sagte Frau Josepha, »jetzt entschuldigen Sie mich ein paar Minuten. Ich bin gleich wieder da, will mich nur ein bißchen hübsch machen. Für Sie!«
»Noch hübscher?« fragte er kecker, als es sonst in seiner ein wenig schwerfälligen Art lag.