»Möglichst hübsch,« erwiderte sie lächelnd, »um einen Spartaner seinen strengen Grundsätzen abwendig zu machen.«
Da folgte er ihr in das Haus, ganz unsicher, was er von alledem halten sollte. Glaubte diese, anscheinend über die Maßen verwöhnte junge Frau vielleicht, er wäre mit ein paar liebenswürdigen Redensarten einzufangen? Um nachher in ihrem Hofstaat einherzutraben, wie etwa der kleine Landsberger Husar ...
Die weite Halle füllte sich mit Gästen. In den beiden Automobilen von dem Grunewaldrestaurant mochte etwa ein Dutzend mitgekommen sein, die übrigen, mehr als zwanzig, hatten anscheinend schon auf die Heimkehr der Wirte gewartet. Auf dem in der Mitte stehenden Billard war eine Boulepartie im Gange. Die vier Spieler protestierten, teils scherzhaft, teils im Ernst gegen die Störung. In einer Ecke bearbeitete ein Jüngling in weißem Tennisdreß das Klavier, zwei, drei Paare tanzten Tango. Alles schwatzte durcheinander, ein dicker Herr fuchtelte mit dem Arm in der Luft und rief laut: »Heda, Wirtschaft! Whisky und Soda! Ich komm' fast um vor Durst ...«
»Doller Betrieb, was?«
Gaston blickte auf, der Hausherr stand neben ihm.
Er verneigte sich höflich.
»Wohl dem, der ein so gastfreies Haus zu führen vermag.«
»Haus? Schon mehr ein Restaurant! Sehen Sie den Dicken da, der so nach Whisky brüllt? Das ist der gewerbsmäßige Spieler Leopold David! Wenn ich ihn ansehe, fehlen mir ungefähr dreimalhunderttausend Mark. Ich bin seiner eisernen Ruhe nicht gewachsen, aber gerade das reizt mich ... und, was wollte ich doch sagen? Ja richtig – so geht das hier jeden Sonntag zu. In der Woche weniger. Da ladet meine Frau mir nur meine ständige Pokerpartie ein, weil ich keinen Klub besuchen kann. Hier drin nämlich ist alles kaput« – er schlug sich mit der Faust gegen die Brust, ein kurzer, trockener Husten folgte danach, er sprach nur mit Mühe weiter: »Ja, also, was spielen Sie? Gar nichts? Das ist sehr bedauerlich! Was wollen Sie da mal als pensionierte Exzellenz machen? Ich lebe nur, wenn ich Karten in der Hand habe. Im Sarge gedenk' ich die 'Teufelspatience' zu legen, die geht erst am Jüngsten Tag auf. Na denn, auf Wiedersehen. Herr David winkt mir, die Partie kommt in Gang. Sie entschuldigen mich wohl ... jeder amüsiert sich hier auf seine eigene Fasson. Wenn Sie flirten wollen, es ist alles da! Nicht wie bei armen Leuten ... Wenden Sie sich nur an meine Frau, die wird's Ihnen aussuchen. Erst vorige Woche hat sie eine Verlobung gestiftet, und der Bräutigam konnte lachen. Die einzige Tochter von Martin Neudecker ... zwei Millionen bar auf den Tisch des Hauses, nach dem Ableben des hochverehrten Papas und Erblassers das Vierfache. Und so was Aehnliches läuft hier noch in mehreren Exemplaren herum, zum Beispiel die reichere, dafür jedoch häßlichere Cousine der eben genannten, christlichen Jungfrau und Braut – aber jetzt entschuldigen Sie mich wohl wirklich. Wenn Sie Durst oder Hunger haben, brauchen Sie nur zu klingeln.«
Gaston fühlte einen feuchtkalten Händedruck und stand allein. Allein in einem Haufen von Menschen, die ihn nichts angingen, und deren Gebaren ihm fremdartig vorkam, wie aus einer anderen Welt. Es war ja ganz interessant, da mal hineinzublicken, aber damit auch holla ... Und jetzt hätte er sich still entfernen können, niemand achtete auf ihn. Nur es reizte ihn, zu erfahren, ob Frau Josepha wirklich erraten haben mochte, was er vor dem Besteigen des Autos gedacht hatte.
Der Jüngling am Klavier intonierte plötzlich den Einzugsmarsch aus dem »Tannhäuser«, oben auf der Treppe, die von der Halle zu einer Galerie führte, erschien Frau Josepha. In einem Kleid aus duftigem, weißem Stoff, das Hals und Schultern frei ließ, eine große, purpurdunkle Rose vor der Brust. In dem hoch aufgesteckten Haar blitzte ein Diadem aus Brillanten und Rubinen ... wie eine Königin stand sie da, ließ ihre Blicke gleichgültig über die Menge da unten schweifen. Er sah hinauf, da winkte sie mit dem Fächer, lachte und rief etwas hinab, was er bei der dröhnenden Musik nicht verstand. Nur ein gewisser Stolz erfüllte ihn, als die in der Nähe Stehenden ihn verwundert anblickten. Irgendwoher aus der Menge kam eine fettige Stimme in unverfälschtem Dialekt: »Da schau her, a neuches Schweinderl in Frau Circes Hofstaat! Noch schaut's aus wie a Mensch, aber gib Obacht – in a paar Täg wird's zu grunzen anfangen ...«