»Jeder liest, was ihn am meisten interessiert.«
Ihr Vater hob begütigend die Hand.
»Na, na, Annemiechen, der Herr hat's doch nicht böse gemeint! Und gewiß ist es für ein junges Mädchen heutzutage ungewöhnlich, wenn es so ernste Bücher liest!« Zur Erklärung aber für den Mitreisenden fügte er hinzu: »Nämlich sie schwärmt für unseren Bismarck wie für einen Heiligen. Ihr ganzes Zimmer hat sie mit Bildern von ihm austapeziert, und das Buch da nebst seinen Briefen an Johanna führt sie auf allen Reisen bei sich. Wie fromme Leute das Gesangbuch oder die Bibel.«
Gaston verneigte sich höflich.
»Es ist wohl überflüssig zu versichern, daß mir eine Respektlosigkeit vollkommen ferngelegen hat. Im übrigen stimme ich Ihnen aufrichtig bei. Das sind für jeden guten Deutschen ein paar wahre Erbauungsbücher. Sie müßten nur noch mehr gelesen werden.«
Das kaum begonnene Gespräch geriet wieder ins Stocken, Annemarie hatte dabei aber Gelegenheit gefunden, den dem Vater gegenübersitzenden Herrn unauffällig ein wenig genauer anzusehen. Daß er über ihre beiden Lieblingsbücher so vernünftig urteilte, war ihr sympathisch. Und auch sonst gefiel er ihr wohl. Ueber breiten Schultern saß ein kluger Kopf, unter scharf gezeichneten Brauen sprang eine kräftige Nase hervor, die in ihrer Mitte einen ganz kleinen lustigen Knick nach links hatte. Darüber ein paar kluge blaue Augen ... Augen, die klar und lauter schienen und Vertrauen einflößten auf den ersten Blick. Nach der blassen Gesichtsfarbe zu schließen, war er vielleicht ein Gelehrter, aber dazu stimmte nicht sein sonstiges Auftreten. Kurze, fast militärische Bewegungen, und seinen eleganten Reiseanzug hatte sicherlich auch kein Zivilschneider gefertigt. Dafür hatte sie ein untrügliches Auge.
Die Hitze in dem sonnenbestrahlten Wagen fing an, unerträglich zu werden. Der alte Herr fuhr sich mit dem Finger zwischen Hals und Hemdkragen und stöhnte auf.
»Herrgott, himmlischer Vater, dieses Blindschleichentempo ist ja kaum noch auszuhalten! Wenn ich ein paar Ackergäule vorspanne und hau' sie ordentlich über den Zagel, geht's rascher vorwärts. Und dieses ewige Angehalte an den kleinen Nestern – steigt ja doch kein Mensch ein oder aus!«
Annemarie öffnete eilig ihre Reisetasche, netzte ein frisches Tuch mit Kölnischem Wasser und kühlte ihrem Vater die Stirn. Und, während er ihr mit zärtlichem Händedruck dankte, flog ein schelmisches Lächeln um ihren hübsch geschnittenen Mund. »Wie würdest Du aber erst schimpfen, Papa, wenn er an unserer Station vorüberfahren wollte?«
Gaston nahm die Gelegenheit wahr, sich die junge Reisegefährtin unauffällig ein wenig genauer anzusehen. Herrgott, war das Mädel schön gewachsen! Eine gertenschlanke Figur voll unbewußter Anmut in jeder Bewegung, ein zierliches Köpfchen auf biegsamem Halse. Fast zu wuchtig erschien dazu der dicke, in einem straffen Neste zusammengesteckte blonde Zopf. Zwei Reihen gesunder weißer Zähne zeigte sie beim Lachen und in der linken Wange ein Grübchen, das dem vorhin so abweisend strengen Gesicht einen Zug hinreißender Liebenswürdigkeit verlieh. Ueber allem aber ein Hauch unberührter Reinheit wie der leichte Schimmer auf der Haut einer reifenden Frucht, die noch niemand in begehrlicher Hand gehalten hatte. Wer das liebe Mädel mal heimführte, trug etwas Sauberes in sein Haus ... Ein schmerzhafter Stich flog ihm durchs Herz. Auf sonnenbeschienener Straße gingen zwei dahin, und der eine sprach in plötzlich ausbrechendem Irrsinn häßliche Worte, und diese Worte krochen wie ekelhafte Kröten über das Bild einer bemitleidenswerten Frau.