»Wenn ich ganz ehrlich sein soll, Herr Oberst, ich war in der Tat ein bißchen beteppert.«
»Kann ich verstehen. Den ganzen Tag Fahrpläne schmieden, Waggons 'ranschaffen und Anschlußzeiten ausrechnen ...«
»Sehr wohl, Herr Oberst! Die erste Woche war ich auch ganz trostlos. Wenn ich abends 'rauskam, war mein Gehirn wie Brei von dem unablässigen Rechnen, und ich schimpfte mächtig. Dann aber ging mir der Seifensieder auf. Ich sah mit einem Male die großzügigen Linien in unserer Arbeit, ich empfand – möchte ich sagen – mit einer gewissen Ehrfurcht ihre Wichtigkeit für den Erfolg des Schlages, zu dem der Feldherr ausholt. Ich will mal aufs Geratewohl sagen, in Modrilewo in Ostpreußen sollen genau zwei Tage nach der Mobilmachung drei Regimenter Infanterie, ein Regiment Artillerie und – meinetwegen – die Gumbinner Ulanen stehen. Aber sie sind nicht da. Der Offizier in der Eisenbahnabteilung des Generalstabes hat ein paar Augenblicke lang gedöst ... in der Berechnung der Fahrplanzeiten hat sich ihm ein Fehler eingeschlichen, der auch bei der Revision nicht entdeckt wird. Das Verhängnis ist da! Also da, meine ich, muß man mit Respekt auch an diese Arbeit herangehen, in jedem Augenblick an die große Verantwortlichkeit denken, und dann fängt sie – merkwürdigerweise – auf einmal an zu schmecken!«
Um die bartlosen Lippen des Chefs flog ein Lächeln, er deutete auf die schmale Ledermappe, die sein Begleiter unter dem linken Arm trug.
»Na, und da haben Sie, genußsüchtiger Mensch, eine Portion davon über Sonntag nach Hause genommen?«
»Nicht für mich, Herr Oberst. Ich habe zufälligerweise heute abend Schluß machen können. Aber mein Nachbar, Oberleutnant Wentorp, mußte morgen zu dem Begräbnis einer alten Tante nach Frankfurt an der Oder.«
Der Oberst brummte etwas vor sich hin, was wie »vielleicht auch Verlobung mit 'ner jungen Cousine« klang, und laut fügte er hinzu: »Da haben Sie sich die Arbeit also gutmütigerweise aufhängen lassen!«
»Was sollte ich machen, Herr Oberst? Sie muß doch nun einmal bis Montag früh fertig sein!«
»Wenn der Herr Wentorp in der Woche sich mehr 'rangehalten hätte ... na schön!« Und wieder nach einer kurzen Pause fragte er weiter: »Nach dem Manöver – wenn mit Gottes Hilfe nichts dazwischen kommt – werden Sie nun wieder in die Front kommandiert. Sie möchten natürlich zu ihrem alten Regiment zurück, zu den Karlsburger Ulanen?«
»Nein, Herr Oberst, ich möchte gerne an die Grenze nach Osten. Speziell nach Ostpreußen. Ich habe mal in der Eisenbahn einen Roman gelesen, der dort spielte. Vielleicht mußte man von den begeisterten Schilderungen ein wenig auf das Konto der Heimatsliebe setzen, die den Verfasser beseelte ... aber seit der Zeit habe ich eine gewisse Sehnsucht nach diesem Land der dunklen Wälder und blauen Seen. Nur, wo ich nicht die geringste Protektion habe, keine Stelle weiß, an der ich eine bescheidene Bitte vortragen könnte ...«