»Merkwürdig,« sagte Herr von Gorski, und aus dem Tone seiner Bemerkung war starke Mißbilligung herauszuhören, »ja, also merkwürdig, wie eine Familie mit Traditionen in so kurzer Zeit ihren vaterländischen Standpunkt verändern kann! Das Vaterland ist doch immer das Primäre! Und ich frage mich manchmal ... Die Abkömmlinge der französischen Refugiéfamilien ... ja, mit welchen Gefühlen werden die wohl einmal satteln, wenn es gegen ihr altes Vaterland Frankreich geht?«
Gaston verneigte sich leicht, Kampflust in den blauen Augen.
»Das haben sie schon einmal bewiesen, jetzt vor mehr als vierzig Jahren! Und ich darf wohl dagegen fragen, mit welchen Empfindungen werden Sie sich tragen, Herr von Gorski, wenn es morgen nach der anderen Seite losgehen sollte? Gegen Rußland?«
Der alte Herr steckte sich in einer gewissen Erregung eine Zigarette an.
»Sie verstehen zu fechten, Herr von Foucar! Aber es ist ein Irrtum dabei. Mein Geschlecht ist von Anbeginn an rein deutsch gewesen – trotz seines polnischen Namens. Darüber existieren unanfechtbare Urkunden. Mein erster nachweislicher Vorfahr ist als Gefolgsmann des Großmeisters Heinrich von Plauen urkundlich aufgeführt, Berger hieß er. Als nach dem Niedergange des Ordens die slawische Welle wiederkam, wurde sein guter deutscher Name ins Polnische übersetzt. Gorski heißt nämlich auf deutsch Berger, und das Schicksal, das ihn ereilte, traf auch all die anderen, ursprünglich deutschen Familien. Nicht nur aus dem Stande der Ritterbürtigen. Auch unter der bäuerlichen Bevölkerung können Sie noch heute herauskennen mit einiger Sicherheit, was ursprünglich mal deutsch war. Schon an der Körperlänge. Der slawische Masur ist klein, kaum daß mal einer über Mittelgröße hinauswächst.«
»Aehnlich wie in meiner Heimat,« versetzte Gaston. »Nur daß man da zwischen Normannen mit Wikingerblut unterscheidet und den kleineren Abkömmlingen der Römer. Aber ich meine, der ganze Streit ist unfruchtbar. Jeder hält zu dem Lande, dem er sich verbunden fühlt. Der alte Name ist nur eine Erinnerung. Das Nationalgefühl entscheiden die Mütter.«
»Haben Sie Ihre alte Heimat einmal besucht?« warf Annemarie ein.
Gaston wiederholte die Frage.
»Meine alte Heimat? Nein, aber im vorigen Jahre machte ich eine Reise durch Nordfrankreich. Ich sage das absichtlich, um von vornherein meine Empfindungen bei dieser Reise zu kennzeichnen. Nichts sprach zu mir, was irgendeinen sentimentalen Widerhall in mir geweckt hätte ... oder vielmehr einmal mußte ich an mich halten, um als preußischer Offizier nicht eine Unbesonnenheit zu begehen. Am zweiten September war es, in Havre. Zu Hause bei uns feierte man den Gedenktag von Sedan, hier schleifte ein Haufe halbtrunkener Gassenjungen eine Strohpuppe im Straßenkot, die wie ein deutscher Soldat ausstaffiert war mit ein paar bunten Fetzen. An der Spitze schritt ein Bengel, der ein freches Spottlied auf die 'sales Prussiens' sang. Die andern grölten den Refrain. Da mußte ich mich mit Gewalt zusammenreißen, um dem Lümmel an der Spitze das Maul nicht mit einer Ohrfeige zu stopfen ... Und ein paar Tage später war ich in dem Städtchen Kerdesac. Auf einem Hügel in der Nähe lag eine verfallene Ruine ... ein Rest des alten Gemäuers war wohnlich eingerichtet, ein weißbärtiges Männchen hauste darin ... Der Letzte der Foucar der französischen Linie. Ich machte ihm meine Aufwartung, ohne meinen Namen zu nennen, und fragte so nebenher, ob nicht ein Zweig des Geschlechts in Deutschland lebte. Da richtete der alte Herr sich auf und spie aus. 'Verflucht sei er und verdorren möge er! Meine Arme sind vertrocknet, aber wenn wir morgen marschieren sollten, marschiere ich mit. Und Gott wird mir helfen, die zu züchtigen, die ihr Vaterland vergessen konnten ...' Ich empfahl mich und ging. War nicht im geringsten betroffen, hatte nur das Gefühl einer Seltsamkeit ... einen fast schnurrigen Gedanken: daß nämlich anscheinend in jedem Lande der liebe Gott eine andere Nationalität hat. Und daß er jedesmal helfen soll, die Leute jenseits der Grenze totzuschlagen ...«
Das Gespräch verstummte. Annemarie holte mit einem leichten Seufzer die »Gedanken und Erinnerungen« hervor, die sie vorhin beiseite gelegt hatte, Herr von Foucar griff nach einer Zeitung, und nach einer Weile schien es so, als wären die drei, die der Zufall für eine kurze Reise zusammengeführt hatte, einander so fremd wie zu der Zeit, als der lustige Herr von Lindemann sie noch nicht vorgestellt hatte. Nur ein kleiner Unterschied war dabei. Nach kurzer Pause hob Annemarie den Kopf von der Lektüre, Herr von Foucar tat desgleichen, ihre Blicke begegneten sich und hielten stumme Zwiesprache miteinander. Der eine sagte: »Ist das nicht ärgerlich, daß unser erstes Beisammensein mit solch einem Mißklang enden soll?« Und der andere meinte: »Es wäre doch jammerschade, wenn nun aus der so freundlich gebotenen Jagdeinladung nichts werden sollte!« Da huschte über das feingeschnittene Gesichtchen ein schalkhaftes Lächeln. Sie legte das dicke Buch wieder beiseite und wandte sich besorgt zu dem neben ihr sitzenden Vater.