»Willst Du es Dir nicht lieber ein bißchen bequemer machen, Papa? Ich kann mich ja ganz in die andere Ecke setzen, Du aber streckst das Bein auf das Polster.« Und wie zur Erklärung für Herrn von Foucar fügte sie hinzu: »Nämlich mein Papa hat vor sechs Wochen einen schweren Sturz mit dem Pferde getan, weil er noch immer so verwegen drauflos reitet, als sprengte er an der Spitze seiner alten Schwadron. Das ganze Schienbein war gesplittert, und ich fürchte beinahe, bei aller Kunst des Königsberger Professors, ganz so wie früher wird es wohl nicht mehr werden.«

»Unsinn,« brummte Herr von Gorski in seinen kurzgeschnittenen grauen Spitzbart, »der Mann hat sein Handwerk verstanden! Ist alles wieder in Ordnung, und, wenn ich ehrlich sein soll, ich muß mich immer erst besinnen, welcher Fuß eigentlich kaput war, der rechte oder linke!«

Sein Gegenüber pflichtete ihm bei, um ihn bei guter Laune zu erhalten.

»Ja, es ist erstaunlich, was heutzutage die Herren Chirurgen alles leisten! Einer meiner Kameraden beim alten Regiment hatte von einem schweren Sturze eine Gehirnerschütterung gekriegt, Schlüsselbein kaput und das ganze rechte Bein ein einziger schlotternder Lappen ... vier Wochen Klinik in Tübingen, und er konnte wieder in den Sattel steigen! Zwei Monate danach aber gewann er sein erstes Rennen.« Die Geschichte war frei erfunden, aber was tat man nicht einem Paar blauer Mädchenaugen zuliebe, die einen lustig anlachten?

Der alte Herr sprang prompt auf die kleine Kriegslist ein und nahm die abgebrochene Unterhaltung wieder auf.

»Siehst Du, da hast Du's! Morgen laß ich mir meinen alten 'Perkuhn' an die Rampe führen, probier' mal, ob's nicht schon wieder geht!« Und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Was aber unseren vorhin angeschnittenen Hammel anlangt, Herr von Foucar – also ich möchte da kein Mißverständnis aufkommen lassen. Ich habe inzwischen nachgedacht. Ich verstehe zwar immer noch nicht, wie geborene Franzosen in ein paar Menschenaltern reine Deutsche werden können, aber da ich ein überzeugendes Beispiel vor mir sehe, muß ich die Tatsache anerkennen. Und sie interessiert mich sehr, denn vielleicht liegt in ihr irgendein Fingerzeig verborgen für unsere Arbeit in den Grenzprovinzen, den Kampf gegen das Polentum. Wenn Sie unsere Parlamentsverhandlungen der letzten Jahre ein wenig verfolgt haben, werden Sie wissen, daß ich bisher immer einer der Hauptvertreter der gemäßigten Richtung gewesen bin in der Behandlung unserer polnischen Mitbürger. Während meiner unfreiwilligen Muße aber, jetzt in der Klinik, habe ich eine Art von Inventur gemacht über die Ergebnisse meiner Tätigkeit. Und, wenn man so losgelöst daliegt von allen verwirrenden Eindrücken der kleinen Tageskämpfe, sieht man wohl schärfer als sonst. Ja also, da hat sich mir die niederschmetternde Erkenntnis aufgedrängt, daß all unsere Arbeit bis zur Stunde vergeblich war. Statt vorwärts zu kommen, haben wir Boden verloren, und da fragt man sich unwillkürlich, ob die bisherige Methode die richtige war.«

»Verzeihen Sie, Herr von Gorski,« sagte der Rittmeister, »ich habe mich bisher mit diesen Dingen zu wenig beschäftigt, um ein eigenes Urteil zu haben. Aber was ich von Ihnen, einem berufenen Sachverständigen, höre, macht mich stutzig.«

Der alte Herr lächelte trübe.

»In unseren Industriegebieten finden Sie ganze Stadtteile und Niederlassungen, in denen kaum noch ein Wort Deutsch gesprochen wird. Und gehen Sie in die Mark, nach Sachsen, Pommern oder Mecklenburg – die Leute, die dort auf den Feldern arbeiten, sprechen Polnisch! Das hängt ja nun mit der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte zusammen, aber muß doch mit in Rechnung gebracht werden, wenn man sich das Gesamtbild vergegenwärtigen will. Und das übrige ... das Ende ...« Er brach ab und sah sinnend vor sich hin.

Herr von Foucar hatte gespannt und achtungsvoll zugehört. Als der alte Herr plötzlich schwieg, erlaubte er sich in bescheidenem Tone die Frage: »Nun und? Wenn all diese Polen den deutschen Gesetzen gehorchen, ihre Steuern bezahlen und als Soldaten ihre Pflicht und Schuldigkeit tun? Unsere Armee ist doch noch intakt. Und gerade unsere polnischen Regimenter haben sich im letzten Feldzuge doch mit Auszeichnung geschlagen. Geben wir den Polen vollkommene politische Freiheit und wirtschaftliche Vorteile, die ihnen die Ueberzeugung wachrufen müssen, unter keiner Herrschaft der Welt könnte es ihnen besser gehen als unter der preußischen oder deutschen, und sie werden – unter dem Zwange dieser Einsicht – treue und gute Staatsbürger werden.«