Um den bärtigen Mund des alten Herrn flog ein nachsichtiges Lächeln.

»Sehr schön und sehr nobel gedacht, aber das Mittel ist schon längst versucht worden – bisher ohne Erfolg! Zu keiner Zeit wurde wohl in polnischen Kreisen mehr komplottiert, das alte Königreich wieder auszurichten, als in jenen Jahren, in denen die Polen verhätschelt und mit Zuckerbrot gefüttert wurden. Das ermutigte die Herrschaften nur, die bisher im stillen betriebene großpolnische Agitation auf die Gasse zu tragen! Wie Pilze schossen allenthalben die nationalen Hetzblätter empor, und ganz unversehens war ein neues Moment in die Bewegung gekommen: Der bisher indifferente kleine Mann in den Städten und auf dem Lande war zum Bewußtsein seiner polnischen – wie heißt doch das neugeprägte Wort? – ja richtig, zum Bewußtsein seiner polnischen 'Volkheit' gelangt! ... Aus solchen geschichtlichen Prozessen muß man lernen, solange es noch Zeit ist. Alles auf dieser Welt verläuft in Wellenlinien, nicht einmal der Strahl des Lichts fährt in schnurstracks gerader Bahn dahin, also muß es auch wohl in der politischen Bewegung der Völker ein Auf und Nieder geben. Es muß nur die gewaltige Persönlichkeit kommen, die stark genug ist, die Hand zu heben: Halt!«

Der alte Herr schwieg erschöpft, wischte sich den Schweiß von der Stirn. Herr von Foucar wollte etwas erwidern, aber Annemarie gab ihm ein heimliches Zeichen, das Gespräch abzubrechen. In dem Coupé war es plötzlich so finster geworden, daß man Mühe hatte, das Gesicht des Gegenübersitzenden zu erkennen, eine jäh aufgestiegene dunkle Wolkenwand hatte sich vor die Sonne geschoben. Die drückende Schwüle wurde schier unerträglich, da, mit einem Male gleißende Helle, vor der sich unwillkürlich die Augen schlossen ... in derselben Sekunde ein schmetternder, kurzer Schlag, ein Reißen und Krachen, daß die Wagenfenster klirrten. Einen zuckenden leichten Schmerz gab es in den Gelenken, ein schwefliger Geruch drang zu den Fenstern herein, Annemarie hob die Hand und deutete nach außen: »Da ... sieh nur, Papa, sieh.« Eine rank aufgeschossene Kiefer, die mitten in einer abgeholzten Lichtung etwa hundert Schritt vom Bahndamme stand, leuchtete rot auf, züngelnde Flammen leckten an dem Stamme in die Höhe, und um die grüne Krone breitete sich eine weißliche Wolke. Ueber das Gesicht des alten Herrn aber flog ein heller Schein, seine Augen blitzten auf.

»Das sei ein Zeichen,« sagte er laut, »und so möge sich erfüllen, was ich eben vorausgesagt habe.«

Die Bremsen an den Rädern zogen kreischend an, der Zug hielt vor einer Art von ziegelgedecktem Schuppen, neben dem ein Wärterhäuschen aus Wellblech stand. Und plötzlich kam mit Rauschen und Brausen der Regen gezogen wie eine graue Wand. Hagelschlossen prasselten dazwischen, der gelbe Sand des Bahnsteiges spritzte auf, und unablässig schmetterte und krachte der Donner. Ein triefend nasser Schaffner kam gelaufen, riß die Tür auf: »Kalinzinnen, eine Minute!«

»Um Gottes willen, schon?«

Annemarie sprang auf, stopfte Buch und Zeitungen eilig in die krokodillederne Handtasche, der Rittmeister half dem alten Herrn in einen Gummimantel, ohne für seinen Dienst mehr als ein kurzes »Danke!« zu ernten. Aus der grauen Regenwand trat ein Diener, einen großen, aufgespannten Leinenschirm in der Hand: »Willkomm zu Hause, gnäd'ger Herr,« sagte er respektvoll. »Und der gnä'ge Herr müssen schon so gut sein, ein paar Minutchen unter die Wartehalle zu treten. Die beiden alten Kobbeln vor dem Kutschwagen sind von dem großen Blitz rein wie verrückt geworden. Der Gottlieb mußt sie laufen lassen, aber er is wohl gleich wieder 'ran.«

Der alte Herr verabschiedete sich von dem Reisegefährten mit kurzem Gruße, kletterte ein wenig schwerfällig den Wagentritt hinab. Annemarie rief ihm nach: »Papa, Du hast wohl nur vergessen ...?« Er hörte nicht, oder vielleicht tat er auch nur so, denn der Zuruf war laut genug gewesen, und in dem Rollen des Donners hatte es gerade eine kurze Pause gegeben. Da flog über ihr Gesicht ein trotziger Zug, sie streckte dem Rittmeister die Hand entgegen: »Entschuldigen Sie, mein Papa ist nur durch die plötzliche Ankunft ein bißchen durcheinander, sonst hätte er sicherlich ... jedenfalls sind Sie uns in Kalinzinnen herzlich willkommen!« Und mit einem Lächeln fügte sie hinzu: »Seien Sie ein bißchen nett mit meinen beiden Vettern, sie stehen bei Ihrer Schwadron!«

Der Schaffner an der offenen Tür, dem das Wasser vom Mützenschirm über die Nase rann, hob mahnend die Hand.

»Trautstes Freileinchen, beeilen Sie sich, der Zug hat sowieso all Verspätung.«