Da gab es noch einen kurzen Händedruck. »Also gut, und auf bald.« Hastig sprang sie von dem Tritte, der Diener, der den alten Herrn schon nach der Wartehalle geleitet hatte, eilte mit dem großen Regendache herbei. Eine Pfeife schrillte, der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Gaston trat ans Fenster, um vielleicht noch einen Blick oder Gruß zu erhaschen, aber Annemarie stapfte eilig dahin, zwischen den vom Boden schnellenden Spritzern. Der über die Knöchel gehobene Rock zeigte ein paar schlanke Fesseln über schmalen Füßen. Der alte Herr unter der Wartehalle schien ungeduldig geworden zu sein, sprach lebhaft auf die Tochter ein, nach dem abfahrenden Zuge sah er nicht mehr hinüber. Die graue Wand schob sich dazwischen, der ziegelgedeckte, offene Schuppen und ein heranfahrender Wagen waren noch wie durch einen Schleier zu erkennen. Dann nichts als unablässig strömender Regen, nach jedem der rollenden Donnerschläge schien er nur noch stärker zu fallen, als wenn da oben an irgendeiner himmlischen Talsperre ein Staudamm gebrochen wäre, so schüttete es hinab.

Gaston hatte das Fenster hochgezogen und setzte sich auf seinen Platz zurück. Trocknete sich Gesicht und Hände von den durch die offene Tür gespritzten Regentropfen, und ihm war seltsam lustig und aufgeräumt zumute. Mit dem alten Herrn schien er's ja gründlich verdorben zu haben, nach anfänglichem Wohlgefallen hatte es ein ziemlich unverhohlenes Mißvergnügen gegeben. Aber was lag daran – dafür hatte die Tochter einen um so freundlicheren Abschied genommen. Wie hatte sie gesagt? »Auf Wiedersehen, recht bald.« Na, das konnte ja besorgt werden! Und ein Vorwand war gar leicht gefunden. Da drüben, zwischen Rückwand und Wagenpolster blitzte etwas auf, als hätte es spitzbübisch bloß auf den rechten Augenblick gewartet, sich bemerkbar zu machen. Eine kleine goldene Zigarettendose, mit einem Saphir als Druckknopf und einem, aus funkelnden Brillanten gefügten »A« auf dem Deckel. Eine siebenzinkige Krone darüber, deren Zacken in hellem Rubinrot leuchteten. Und allerhand Widmungen daneben, in Schrift oder figürlicher Darstellung. Ein blau-weiß-roter Emailschild mit der Umschrift: »Masovia sei's Panier! Der holden Korpsschwester die Füchse des Sommersemesters 1911.« Viele, sauber ausgeführte Wappen mit Jahreszahl und Datum, und endlich auf der Rückseite ein Emailbild der beiden »bösen Buben«, Max und Moritz. Eine Inschrift besagte, daß unter dieser allegorischen Darstellung die beiden Vettern Hans und Karl von Gorski zu verstehen wären. Nur eine Ecke auf dem goldenen Untergrunde war noch frei. Gaston schob mit einem Lächeln die Dose in die Brusttasche: da war er ja, der gute Vorwand! In ein paar Tagen überbrachte man das kostbare Fundstück persönlich, und inzwischen war auf der letzten freien Ecke von einem geschickten Goldschmied ein Kleinod ganz besonderer Art eingefügt worden zur Erinnerung an die Stunde der ersten Begegnung. Ein tiefblauer kleiner Saphir von altertümlich flachem Schliff, der ein winziges Zeichen trug. Man mußte eine Lupe zu Hilfe nehmen, um es zu erkennen: der gefiederte Sarazenenpfeil war es aus dem Wappenbilde der Foucar, mit dem sie zeichneten, was ihnen gehörte. Nach einer alten Familiensage stammte der Stein von einem Ringe, den ein Ahnherr am heiligen Grabe geweiht hätte, und sollte seinem Besitzer Glück bringen, ihn vor jeder Art von Gefahr bewahren. Wem aber wünschte er wohl von Herzen mehr Glück als dem blonden Mädel, das ihm ein gütiges Geschick hier in den Weg geführt hatte.

Er brauchte nur die Augen zu schließen, und er sah es wieder vor sich auf dem Platze da drüben ... die biegsame, schlanke Gestalt, das feine Gesichtchen mit dem lustigen Grübchen in der Wange und den klaren, blauen Augen. Ganz dunkel schienen sie in der Abwehr und leuchteten hell auf, wenn sie lachte. Allmählich aber verwischte sich das Bild. Es hing eine an seinem Halse, drängte sich ganz nahe an ihn und biß ihn in bitterem Trennungsweh, daß er sie nie mehr vergessen sollte und immer an ein Wort denken, das er selbst gesprochen hatte. Sie wäre für ihn die Herrlichste und Reinste auf der ganzen Welt. In einer Art von Trunkenheit hatte er es gesprochen, aber es stand da. Wahnsinn war es doch, zu denken, mit seiner raschen Flucht wäre alles zu Ende. Die Wirrsal fing jetzt erst an ... die Wirrsal für einen, den die Natur mit mancherlei Gaben ausgestattet hatte, nur nicht mit einem robusten Gewissen ...

Das Gewitter war vorübergezogen, kaum eine Viertelstunde hatte es gedauert. Nur im Westen stand noch eine dunkle Wolkenwand, von der untergehenden Sonne wie mit Blut und Feuer übergossen. Der Zug hielt im freien Felde. In der Ferne blaute ein See mit spärlich bewaldeten Ufern, ein schlanker Kirchturm, dessen Kreuz im Sonnenlicht blitzte, ragte zwischen roten Ziegeldächern in die Höhe.

Auf dem anderen Gleise rollte ein langer Zug vorüber. Mehr als fünfzig Wagen zählte Gaston, alle mit Menschen dicht besetzt. An den Oeffnungen der Türen und Fenster drängten sie sich Kopf an Kopf, schauten mit einer Art stumpfer Neugierde heraus. Gesichter von fremdartigem Schnitt ... kleine blaue Augen über breiten Backenknochen, stumpfe Nasen und blondes Haar. Die Frauen in bunten Tüchern, die Männer in grauen Röcken, breitschirmige Mützen tief in die Stirn gezogen.

Der aus seinem Bremserhäuschen gestiegene Schaffner gab unaufgefordert die Erklärung: »Polnische Auswanderer. Jeden Tag kommen vier solcher Züge von der Grenz'. Alles wegen dem Krieg. Da drüben haben se, scheint's, noch mehr Angst wie bei uns. Möcht's man endlich losgehen, sonst reißen se uns noch alle aus.«

Gaston nickte.

Ja, wenn's nur endlich losgehen wollte!

Dann wäre er mit einem Schlage aus aller Wirrsal heraus gewesen – – –

6.