Im Lesezimmer des Kasinos der Ordensburger Dragoner saßen nur drei Herren. Zwei in Uniform, der dritte in Zivil. Ein junger Mann mit langen Gliedern und breiten Schultern, ein paar tiefe Schmisse auf der linken Wange. Das schlichte blonde Haar trug er in der Mitte gescheitelt, unter einer narbenbedeckten hohen Stirn standen ein paar fast immer schläfrig blickende, blaue Augen.
Die beiden Herren in Uniform sahen einander zum Verwechseln ähnlich. Zwei Köpfe von gleicher, kugelrunder Form, die weißblonden Haare bis auf die Haut kurz geschnitten. Hellgraue Augen unter farblosen Brauen, jeder einen breiten Streif Sommersprossen über der scharf vorspringenden, gebogenen Nase, und lächerlich wirkende große Ohren. Kaum zu unterscheiden waren sie, wie Zwillinge sahen sie einander ähnlich, trotzdem sie im Alter zwei Jahre auseinander waren. Nur einen Unterschied gab es. Der Aeltere war reich, der Jüngere arm. Der Aeltere erbte einmal das große Majorat im Johannisburger Kreise, der Jüngere mußte mit knappem Zuschuß bei der Truppe weiterdienen. Noch ein halbes Dutzend Schwestern wuchs zu Hause heran. Die mußten von dem Oberhaupt der Familie standesgemäß ernährt werden, denn auf Versorgung durch Heirat war wegen Häßlichkeit leider nicht zu rechnen. Auch ihnen standen die Ohren vom Kopfe ab, sprang unter reichlichen Sommersprossen eine gebogene starke Nase aus dem Gesicht. »Zeichen eines reingezogenen adeligen Geschlechts« nannte das der jüngere, zur Spottlust neigende der beiden Gebrüder Gorski, »aber leider legten die heiratslustigen Jünglinge im Kreise mehr auf Schönheit Wert als auf die Merkmale echter Gorskischer Rasse.«
Das Gespräch zwischen den dreien floß zu Anfang nur spärlich dahin.
»Herrschaft,« sagte der Lange, »wenn ich 'ne Ahnung gehabt hätte, daß bei Euch heute abend so wenig los ist, wäre ich lieber nach Hause gefahren.«
»Wieso?« versetzte der jüngere Gorski, der den linken Arm in einer schwarzen Binde trug, »ist da mehr los? Können Deine Mastochsen vielleicht Skat spielen?«
»Das gerade nicht! Aber wenn man sich auf die Reise macht und findet das ganze Offizierkorps ausgeflogen?«
»Nächstens werde ich einen Regimentsbefehl veranlassen, daß den Herren der Reserve vom Bureau aus das Stattfinden einer Nachtfelddienstübung telephonisch mitgeteilt wird. Aber kannst Dich darauf verlassen, drei Tage in der Woche wird überhaupt immer Nachtfelddienst geübt! 'n schönes Wort, was? Meine Erfindung! Unser Alter dressiert uns überhaupt nur japanisch, seit er damals als Attaché da drüben gewesen ist. Also, wenn ich hier als Leutnant ausgelernt hab', trete ich als Akrobat im Wintergarten auf. Klettere über die verschmitztesten Drahthindernisse, verhaspel mich mit den Sporen und kämpfe mit dem in der Dunkelheit egalweg vorbeischießenden Gegner Jiujitsu. Falls er mir nicht vorher, zur Vereinfachung der Angelegenheit, mit dem Kolben über den Kopp haut!«
Der Lange mußte unwillkürlich auflachen.
»Wie Du das darstellst!«
»Von dem einzig richtigen Standpunkt aus! Wer ist wohl mehr zu sachlicher Kritik berufen als der mißvergnügte Leutnant? Wenn die hohen Vorgesetzten einen Dienstbetrieb einführen, der den Offizier nötigt, eine Drahtschere zu tragen statt des Säbels? Das ist was für die Fußlatscher! Dem Kavalleristen gehört der Tag und das freie Blachfeld. Abends aber soll er in Ruhe seinen Schoppen trinken dürfen, auf den Dienst schimpfen und alles besser können. Na prost, Hermann!« Und der jüngere Gorski griff nach seinem Bierglase.