»Nee, aber ihr heißgeliebter Cousin – wenn wir uns auch manchmal kabbeln. Und da sage ich Dir, mein Jungchen, wer so ein sauberes Mädel kriegen will, hat gewisse Verpflichtungen! In bezug auf seinen Lebenswandel. Wenn er schon nicht die gleiche Sauberkeit prästieren kann, soll er wenigstens vorsichtiger sein. Sonst fängt die kleine Annemieze an, über Dich auch im allgemeinen nachzudenken, und eines schönen Tags geht die ganze Sache aus dem Leim!«

Der lange Herr von Brinckenwurff fuhr auf: »Also, Karlchen, ich muß doch sehr bitten!«

»Na, was denn? Was ich Dir sagen wollte, hast Du weg – damit ist der Fall für mich erledigt! Im übrigen aber könnten wir schon längst Skat spielen. Ausgang hat mir der Stabsarzt mit meiner verknaxten Hand gestattet, aber um zehn Uhr muß ich in der Klappe liegen. Und die Zeit geht hin wie Geld und Wind, mein schönes Kind.«

Hans von Gorski, der Aeltere, reckte die Arme.

»Und ich muß meinen Gefechtsesel besteigen, um elf Uhr zum erstenmal die Brückenposten am Bahndamm revidieren. Es ist kein Vergnügen. Neulich hätt' einer von den Kerls beinahe auf mich geschossen. Ein Masurenjüngling von der Infanterie, der die deutsche Parole natürlich vergessen und in der Dunkelheit meine Uniform nicht erkannt hatte. Er hatte den Sicherungsflügel umgedreht und die Knarre schon an der Backe. Erst als ich ihn gröblich auf polnisch anschrie, beruhigte er sich. Die Kerls fangen auch schon an nervös zu werden.«

»Kein Wunder! Wir schlafen doch wenigstens ab und zu in der Nacht, aber diese armen Fußfantristen müssen von dem ewigen Nachtpostenstehen allmählich blödsinnig werden. Und eine Wut sammelt sich in ihnen an. Da erzählte doch neulich der Kollege Reuter von der Infanterie beim Frühschoppen, er hätte zugehört, wie sich ein paar seiner Kerls auf dem Schießstand unterhielten. Der eine sagte: 'Der erste Ruß', wo ich gefangen nehm', dem stäch ich das Seitengewehr in die Kaldaunen!' Und der andere meinte: 'Mänsch, das is nich genuch! Erst würd' ich das Beest eine ganze Weile lang piesacken und verdreschen, eh' ich ihm im Jenseits beförder': Da, das is fier die sächs Wochen, wo ich wegen Dir jede zweite Nacht hab' auf Posten stehen müssen!' Also der Leutnant Reuter sagte, er wäre jedesmal froh, wenn eine Felddienstübung an der Grenze ohne Zwischenfall vorüber wäre. Wenn drüben die Russen reiten, kriegen unsere Kerls immer dunkle Augen vor Zorn. Es braucht bloß eine Flinte loszugehen, und der Salat ist fertig!«

Hans von Gorski atmete tief aus.

»Gott gäb' es! Die Schamröte steigt einem ja ins Gesicht, wie provokant sich die Burschen da drüben benehmen. Probemobilmachung nennen sie's, wenn sie sich fertig machen, um jeden Augenblick losbrechen zu können. Wir aber getrauen uns nicht mal, ein paar Regimenter mehr unter irgend einem Vorwand an die Grenze zu legen. Damit könnten wir ja irgendwo anstoßen! Pfui Deuwel noch mal!«

»Ja,« sagte Herr von Brinckenwurff. »Die Herren in Berlin haben gut reden! Ihre Saaten werden nicht zerstampft, und ihre Scheunen brennen nicht, wenn unsere Handvoll Soldaten hier an der Grenze im ersten Ansturm über den Haufen gerannt wird. Und den Kerl im Generalstab, der das erfunden hat, daß Ostpreußen im Kriegsfall bis zum Seendefilee preisgegeben werden soll, den möcht' ich mal unter vier Augen sprechen!«

Hans von Gorski protestierte entrüstet. »Bet'st Du auch das törichte Gerede nach? Kein Mensch hat die Absicht, auch nur einen Zollbreit aufzugeben, und am zweiten Mobilmachungstag haben wir hier so viel Flinten an der Grenze, daß an ein Ueberschwemmen mit Reitergeschwadern nicht mehr zu denken ist!«