Der jüngere Gorski blinzelte seinen neuen Schwadronschef dreist und gottesfürchtig an.

»Merkwürdig, Herr Rittmeister, wie gewisse Unsitten im Leutnantsstande durch das ganze Vaterland verbreitet sind. Ich fürchte aber, sie werden sich nicht ausrotten lassen. Solange es nämlich Vorgesetzte gibt, die den Schwindel noch nicht kennen.«

Gaston mußte unwillkürlich auflachen. Der kleine Frechdachs da mit den großen Ohren gefiel ihm. Das war einer von den preußischen Leutnants, die sich eine Zigarette ansteckten und ihre Kerls mit einem Witz anfeuerten, wenn es galt, gegen eine feindliche Batterie anzureiten.

»Na dann«, sagte er, »wollen wir diesen kleinen Reinfall mit einer Flasche Sekt begrüßen! Darf ich mir gestatten, meine Herren?«

»Gehorsamst abgelehnt, Herr Rittmeister! Heute sind Sie unser Gast. Morgen aber, nach offizieller Uebernahme des Kommandos, haben wir nichts dagegen, wenn Herr Rittmeister sich öfter mal in dem eben erwähnten Sinne äußern wollten.«

»Na, meinetwegen.«

Die Ordonnanz schenkte ein, Gaston hob sein Glas.

»Also prosit, meine Herren! Auf gute Kameradschaft!«

Er war von seltsam guter Laune. In der neuen Umgebung hatte er seine Sorgen und Kümmernisse vergessen. Eine nervöse Spannung lebte in ihm, als könnte jeder Augenblick den heißersehnten Umschwung bringen. Hier an der Grenze roch es förmlich nach Krieg.

Hinter dem Hotel, in dem er abgestiegen war, dehnte sich freies Feld. Da kampierte in schmalen, mit Leinenplanen überspannten Korbwagen eine seltsame Gesellschaft, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die Männer in langen, bis auf die Schaftstiefel reichenden Kaftanen, Ringellöckchen zu beiden Seiten der scharfgeschnittenen Gesichter. Die Frauen in grellfarbigen Gewändern, falsche Scheitel auf dem Kopf. Auf seine Frage hatte ihm der gesprächige Oberkellner die Auskunft gegeben: »Russische Juden, Herr Rittmeister. Und wie die in Scharen gekommen sind, hab' ich auch angefangen, an den Krieg zu glauben. Die Ratzen verlassen das Schiff. Sie haben nämlich eine scharfe Witterung, irgendwas is da drüben los. Da reißen sie aus, stehlen sich heimlich über die Grenz' und versammeln sich hier zum Auswandern nach Amerika. Nämlich, wenn in Rußland was passiert, werden hinterher immer ein paar tausend arme Juden totgeschlagen. Attentat auf einen Minister: Pogrom! Mobilmachung: Pogrom! Sie können nichts dafür, aber es wird Pogrom gemacht!«