»Was ist das, 'Pogrom'?« hatte er gefragt.
»Na, so 'ne Art von russischem Volksfest. Seit einigen Jahren haben sie's schon eingeführt. Man plündert die Läden, schändet die Mädchen und schießt die männlichen Juden tot. Hinterher kommt eine lahme Untersuchung. Keiner von den Zeugen hat 'was gesehen, und die paar Juden, die noch am Leben geblieben sind, denen wird nicht geglaubt. Schreckliche Sachen erzählen diese armen Menschen! Und jetzt wissen sie ganz genau, was los ist, denn sie haben ihre Verbindungen. Da hab' ich meine paar Kröten auch locker gemacht auf der Sparkass'. Wenn die Russen uns hier überfluten, wie es neulich in der Zeitung gestanden hat, rutsch ich ab – dritter Klass' nach Königsberg!«
Da hatte Gaston unwillkürlich auflachen müssen: »Sehr richtig, Herr Oberkellner, das bessere Teil der Tapferkeit ist Vorsicht!« Zugleich aber war ihm selbst leichter ums Herz geworden, in kurzer Frist hatte wohl alle Not ein Ende. Er sprengte mit seiner Schwadron vorwärts an den Feind, die Kugeln schwirrten und pfiffen. Eine davon traf, man schoß kopfüber aus dem Sattel. Vorbei war alles. Die Reue um das verpfuschte Leben und das neue Gefühl, das heute in ihm aufgestiegen war. Ein schmerzlich-süßes Gefühl. Wie herrlich vielleicht alles hätte werden können, wenn ... ja, wenn diese letzten Tage nicht gewesen wären!
Die drei Herren im Kasino hatten ihm Bescheid getan, nach der ersten lustigen Begrüßung rann das Gespräch nur spärlich dahin. Gaston beantwortete die üblichen Fragen, wie ihm das Städtchen gefallen hätte, und ob er sich hier nicht wie in der Verbannung vorkommen würde. Wobei der jüngere Gorski die verblüffende Behauptung aufstellte, es wäre gar nicht so schlimm. Das kleine Nest Ordensburg besäße nämlich eine große Aehnlichkeit mit Nizza. Und als die anderen verwundert aufblickten, gab er lächelnd die Erklärung: »Na ja, sehr einfach. Wenn man sich in der Stadt langweilt, fährt man in die schöne Umgebung. Dort nach Monte Carlo, hier bei uns auf eins der Güter in der Nachbarschaft. Da ist es dann amüsanter.«
Die Herren lachten, Gaston entsann sich infolge einer naheliegenden Ideenverbindung, daß er ein Fundstück bei sich trug, das er nicht persönlich abzugeben gedachte. Für ihn und die Verliererin war es besser, wenn sie sich nach der ersten Begegnung nicht wiedersahen.
Er griff in die Tasche.
»Kommt einer von Ihnen, meine Herren, vielleicht in den nächsten Tagen nach dem Gute Kalinzinnen?«
»Ich,« sagte der lange Herr von Brinckenwurff. »Ich reite schon morgen früh hinüber. Heute abend konnte ich zu meinem Bedauern nicht an der Bahn sein.«
Gaston blickte auf. Das also war der »Hermann«, von dem am Nachmittag zwischen Vater und Tochter die Rede gewesen war. Wie eine Warnung hatte der alte Herr den Namen ausgesprochen. Eine Warnung für sie beide, die gleich in der ersten Stunde vertraut geworden waren ... Der alte Herr hatte ganz recht, das mußte ein Ende haben, noch ehe es eigentlich einen Anfang genommen hatte. Er atmete auf und legte die goldene Zigarettendose auf den Tisch.
»Das da hat Fräulein von Gorski im Coupé liegen lassen. Wenn Sie also die Liebenswürdigkeit haben wollten, es ihr morgen wieder zuzustellen, Herr ... pardon, aber vorhin bei der Vorstellung habe ich Ihren Namen ...«