Man kann die Menschen nach ihrem sichtbaren Wesen, dem, was ihren natürlichen Stil ausmacht, in zwei Klassen scheiden: die einen und die andern. Die einen sind die von der Natur begünstigten, die andern die nichtbegünstigten. Es ist nur ein Glück, daß die Nichtbegünstigten es nicht merken. (Im Grunde gefällt sich eigentlich jeder Mensch, täuscht sich jeder gern über sich selbst, wenn er auch Momente der Selbstbesinnung und Selbstverachtung hat.)

Das „Geistige“ freilich ist ein ganz andrer Einteilungsgrund und scheidet die Menschen in ganz andre Lager.


Wenn man Fragen des gesellschaftlichen Anstands ernsthaft traitiert, rumoren „Freigeister“ gleich über Engherzigkeit. Als ob solche Nadelköpfchen mit der Schlosserzange anzufassen wären! Wer wird sich mit diesen Nichtigkeiten abgeben, deklamiert ein „Großzügiger“.... „Abgeben“? Mit nichten. Sobald derlei Niaiserien mit Gewicht behandelt werden, sind sie auch schon erdrückt. Man kann sie nicht in Paragraphen „erschöpfen“, kann keine Normalien für Anstand herausgeben. Alle solchen Wegweiser und Handbüchlein sind von niederschmetternder Lächerlichkeit.

Überhaupt hat die Vernunft in solchen Dingen nichts dreinzureden. Sie wird sich da immer sehr schwerfällig, plump und abgeschmackt gebärden. Und ebensowenig hat die Ethik mit den zierlichen Sächelchen zu schaffen. Beileibe auch nicht das berühmte „Gemüt“. Empfindsamkeit in seinem Achtzehnten-Jahrhundert-Sinn schon viel eher. Es führt eine vielfach verschnörkelte Linie vom Pretieusentum über die Empfindsamkeit zum Chik. Der Chik aber ist nicht wie ein Stück Skulptur aus einer Barockdeckenmalerei „täuschend“ hervorgezerrt (sehr handgreiflich „gezerrt“), sondern eine Arabeske im Material des gesellschaftlichen Anstandes, einer Welt der „andern“ Dimensionen, ebensowenig an der Ethik wie die Ethik am Dienst-Reglement zu messen. (Die Gerade und die Kugel — zwei „Welten“.)


Unverkennbar ist die Gleichmäßigkeit der Temperatur im gesellschaftlichen Verkehr der mehr als „Wohlgeborenen“ nicht eine „Geschmacks“frage der leeren „Zeichen“, sondern ein musikalisches Aufeinandergestimmtsein. Ein fremdes Element muß dem Musikalischen sofort auffallen. Stufenweise Fortgeschrittene behalten immer etwas beamtenhaft Rangsklassenhaftes, dessen „ärarischer“ Geruch unaustilgbar scheint.


Gibt es wohl etwas Geschmackloseres als ein Festmahl, veranstaltet von Frauen zu Ehren eines Sexualethikers?