Das „arrogante Gesicht“ vor Portiers und Kammerdienern. Man weiß darum, lächelt, höhnt sogar darüber, spielt aber doch immer wieder die mediokre Komödie. Und die Leute brauchen das. Das „liebe Gesicht“ des jungen unter ältern Kollegen. Die charmante Bereitwilligkeit. Alles Humbug natürlich, aber sowohl erzieherisch als wirksam ... Das gerührte Gesicht, das ergriffene Gesicht, das nachdenkliche, das blasierte, das unbefangene, naive Gesicht (dieses übrigens äußerst wohlfeil), das dämonische, das faszinierende Gesicht.


„Er ist ein Schwein.“ Schlagende, totschlagende Kürze. Ein Spruch, gegen den es keine Einrede mehr gibt. Wenn einmal jemand irgend wen vor andern so gekennzeichnet hat, dann ist kein Beschönigen mehr möglich, kein Abmildern, geschweige denn ein Zurücknehmen. Das „Schwein“ deckt ihn ein für alle Male zu. Den Unglückseligen, der uns einmal irgendwo als „Schwein“ vorgestellt worden ist — in absentia natürlich —, kann jedermann als „Schwein“ weitergeben.

Wer ist ein „Schwein“? Besser: wie wird man ein „Schwein“? Nicht der Zotenjäger ist gemeint, nicht aus Studentenbierkneipen stammt das Wort, das wie ein Peitschenhieb über einer moralischen Physiognomie sitzt, diese „soziale“ Bezeichnung hat hochgebornen Ursprung und verliert sofort an Gewicht, wenn sie außerhalb ihrer Sphäre angewendet wird. Es gibt Leute, die einfach niemals „Schweine“ werden können. Das verächtliche Wort will unter Gentlemen besagen: Der und der ist gänzlich „unmöglich“.

Es ist mancher längst ein „Schwein“, ohne es zu wissen, wenn er’s auch — ahnt. Aber erst der erfüllt den Begriff „voll und ganz“, wie die Festredner mit Vereinsabzeichen sagen, der genau weiß, daß er durch diese Handlung, jene Unterlassung ein „Schwein“ geworden ist. Manchmal versucht er es noch, sich wieder an die Oberfläche zu bringen. Es geschieht zitternd. Der Anblick eines einzigen Menschen, bei dem er „Wissen“ voraussetzt, macht seine Kräfte schwinden. Endlich gibt er es auf, flieht in die böhmischen Wälder der Vogelfreien, außerhalb der Gesellschaft, fristet unter Masseusen und Revolverblattreportern ein gasflammenübergossenes scheues Dasein, wird etwa, wenn er noch Ehrgeiz besitzt, eine — Nachtkaffeegröße. Aber sein Herz ist gebrochen. Oder er avanciert zum Lumpen, wird frech, selbstbewußt-schamlos. Und vielleicht kommt er noch als „Idealist“ wieder ans Tageslicht und eifert gegen Klassenvorrechte.


Warum schlagen mich die Kohlenträger nicht tot, denen ich auf der Treppe begegne, wenn ich in Lackschuhen mit der Zigarette um halb elf in mein Bureau im Auswärtigen Amt spaziere? Ich könnte es ihnen nicht verdenken. Vorher aber würde ich mich doch wahrscheinlich noch zu rechtfertigen versuchen: Meine sehr geehrten Herren Totschläger, wir haben nämlich wirklich so späte Bureaustunden im auswärtigen Amt.


Die sozialen Differenzen äußern sich vorzüglich in manuellen Verrichtungen, die der eine Teil ebenso selbstverständlich von dem andern beansprucht, wie dieser sie ihm ohne Bedenken leistet. Die Utopisten einer Sozialisierung der Gesellschaft meinen diese Differenzen — die das Unbewußte in der Organisation der menschlichen Verbände ausmachen — dadurch auszugleichen, daß jeder jeweils sein eigener Herr und Diener zugleich, wenn auch nicht gleichzeitig zu sein hätte. Es soll also alles bewußt, alles Fundament Oberfläche werden. Als ob ein Bau ohne verdeckte Basis möglich wäre.