Ich rief mit tiefem Erschrecken: »Geh allein!«

»Folge mir, ich bitte dich. Ich selbst habe es nämlich verlassen, wie ich dir nur gestehen will. Ich kann eben nicht anders. Es ist meine Natur. Und dann — ich bin jung, jung, jung! Und ich will genießen, genießen, genießen! Will leben! Ohne Ende! Du scheinst mir zwar ein sonderbarer Kauz zu sein, so etwas von einem Schwärmer, einem sogenannten Idealisten, eben einem Narren. Zugleich aber ein netter Kerl, ein gutmütiger alter Herr. Dabei höchst ehrbar. Dir wird das niedliche Dingelchen nichts anhaben; und du tust an ihm und auch an mir ein gutes Werk. Denn ich bin zwar ein Tier; aber schließlich doch immerhin ein leidlich anständiges. Das erkenne ich daran, daß die Verlassene mir leid tut.«

So sprach dieser Jüngling, der mich jetzt mit Augen und Lippen anlachte — wieder mich auslachte ... Ich ließ mich von seiner fröhlichen Jugend auch wirklich beschwatzen. So meinte ich nämlich damals. Denn damals wußte ich nicht, daß es etwas anderes, ganz anderes war, was mich gewaltsam trieb, seiner Lockung zu folgen.

Große Göttin, meine Sehnsucht war's!

Meine Sehnsucht nach Leben, nach Liebe.«

10.

Nach diesen Worten schwieg der Liebende. Und schweigend verharrten alle, die ihm zuhörten. Alle empfunden, daß dieser Mann mit dem Heroenantlitz, der sich derartig sklavisch dem Gott unterwarf, und Hände sowohl wie Seele in Fesseln schlagen ließ — daß es bei ihm etwas anderes war als verächtliche Schwäche. Die Kraft zu lieben, und um seiner Liebe willen zu leiden war's! Es war der Mut, eine große Leidenschaft auf sich zu nehmen gleich einem Kreuz. Still und milde schaute die Göttin auf den Mann, der sonder Scheu und Scham bekannte, mit gebrochenem Stolz, zermarterten Herzens ihr zu Füßen zu liegen.

Der Tiermensch mit der durch seine leidensvolle Liebe göttlich gesprochenen Seele sprach weiter in dem schweren Schweigen rings um ihn: »Dieser glückliche Leichtfertige führte mich zu einer kleinen Waldwiese, die voll roter Anemonen stand, so daß sie mit lichtem Purpur bedeckt schien. Mitten in der glühenden Blütenflut ruhte das erste Weib, das ich sah. Sie war von feiner Gestalt und von solcher Anmut der Bildung, wie ich die Frau bei meinen Weisen und Gesängen im Geiste schuf, wenn meine Sehnsucht in mir nach Lieben und Leben schrie.«

Vollkommen hüllenlos sah ich das erste Weib, das ich für eine Göttin hielt: für dich selbst, Tochter des Zeus ...

Wir waren am Waldessaum stehen geblieben, und hier dieser rannte mir zu: »Sie ist eingeschlafen. Ihr Schmerz wiegte sie in Schlaf. Möchte sie im Traume den Treulosen vergessen! Du aber wecke das Kind mit deinen süßesten Melodien, singe der Reizenden deine zartesten Lieder: deine Melodien und Lieder werden sich in ihr trauriges Seelchen schleichen. In den Gesängen wird sie den Sänger lieben; und über deinen jungen Liedern deine alternden Jahre vergessen. Im übrigen nimm dich in acht. Denn auch dieses Nymphchen ist ein Hexlein. Diesen Rat lass' ich dir als Warnung zurück; und — Aphrodite sei mit dir!«