Wie im Traum vernahm ich des Gesellen raunende Rede; und wie das Bild eines Traums sah ich dicht vor mir auf dem blutroten Teppich der Frühlingsflur das leuchtende Frauenwesen. Nicht mit meinen Augen sah ich's; sondern mit meiner Seele, die ein gütiger Gott — oder war es ein furchtbarer, erbarmungsloser? — auch uns Tiermenschen gab. Das empfand ich plötzlich in diesem einen Augenblick.

Als ich noch stand und versuchte, das große Wunder zu fassen, das sich mit mir begab, verschwand der Versucher von meiner Seite. Aus den Dickichten hörte ich sein lustiges Lachen als letzten höhnenden Gruß.

Nun bewachte ich den Schlummer der weißen, wundersamen Gestalt. Die Ruhende seufzte im Schlaf. Da ergriff mich ein unsägliches Mitleid, ein mir bis dahin völlig unbekanntes Gefühl, wie ich mir denn auch erst jetzt meines qualvollen Sehnens bewußt ward und dieses Sehnens Grund.

Dort lag er vor meinen Augen schlank und licht im Anemonengefilde ...

Ich begann leise zu spielen, leise zu singen: von meiner verzehrenden Sehnsucht! Daß ich soeben erst meine Seele empfangen und angegraute Locken hatte bekommen müssen, bevor ich erfahren, was Leben und Liebe sei. Aber zugleich gedachte ich gar nicht meines Alters. Und ich gedachte nicht meiner Einsamkeit. Auch nicht meines Stolzes. Das war mein Schicksal.

Meine zarte Weise weckte sie. Sie schlug die Augen auf: große azurblaue Augen, die in dem weißen Gesichtchen unter der goldigen Haarflut fast schwarz strahlten. Still schaute sie auf mich, gar nicht erschrocken, kaum erstaunt. Sie blieb ruhig liegen, schien sich in dem weichen Blütenbett so recht wohlig zu fühlen, und behaglich auf Spiel und Gesang zu lauschen. Da spielte und sang ich denn, als sollte ich meine soeben erst empfangene — soeben erst empfundene Seele hingeben.

Endlich erhob sie sich ... Es war, als erblühte aus dem roten Grunde eine binsenschlanke, wundersame, blasse Blume. Als ich sie in ihrer ganzen hüllenlosen Frauenherrlichkeit vor mir sah, riß auf meiner Leier eine Saite.

11.

Sie tat durchaus nicht fremd und scheu, schien nicht im mindesten traurig und des Trostes bedürftig zu sein. Ja, sie lachte mich an, daß ich zwischen ihren roten Lippen die Zähne schimmern sah, weiß wie Winterschnee auf den Felsengipfeln.

Ich stand mit zerrissenem Saitenspiel verstummt und bebend, von heißen Schauern geschüttelt. Da trat sie auf mich zu, sagte mit einem Stimmchen wie Vogelgezwitscher im knospenden Lenz: »Du also bist der Spieler und Sänger? Du!«