Sie wollte lachen. Aber etwas wie Schreck ließ sie verstummen. Ich las die Ursache in ihren Augen: weil ich ein Kentaure war — ein Tiermensch!
Und ich sagte es ihr ... Sie aber meinte leise, ganz leise: »Der andere hat mich ja auch geküßt. Freilich der andere war —«
Da sie stockte, so sprach ich für sie. Ich rief, schrie es auf: »Der andere war jung!«
Nun mußte ich doch meiner ergrauenden Haare gedenken: Sie selbst erinnerte mich daran. Das hätte mich warnen sollen. Aber — welcher Liebende ließe sich warnen?
Wer sich warnen läßt, liebt nicht.
Was würde sie antworten? ... Ich wartete darauf. Mein Herz hörte ich in der Brust klopfen, mein Blut durch die Adern rauschen. Jetzt weiß ich, was es damals mit mir war: Todesangst wegen der Jugend des anderen. Denn Jugend ist die triumphierende Siegerin.
Sie sah mich an. Mir war's bei ihrem Blick, als sänke meine soeben erst empfangene Seele in einen strahlenden Abgrund, darin sie unterging: so abgrundtief war ihr Auge. Dann antwortete sie: »Deine Melodien und Lieder sind jung; und frühlingsjung ist deine Seele; und kinderjung werden deine Lippen sein, wenn ich sie küsse.«
Ich, grauer Tor, stieß hervor: »Wie kannst du mich küssen, da du doch den jungen Treulosen küßtest; da du ihn doch liebst, um ihn leidest?«
Ihr Blick ward fremd und fern. Sie sprach mir nach: »Da ich ihn doch liebe, um ihn leide ... Sagte er dir das?«
»Er führte mich zu dir, damit ich deiner liebenden und leidenden Seele meine traurigen Lieder sänge.«