Einmal belauschte ich wider Willen das Gespräch zweier alter Dryaden in den Wipfeln einer grauen Steineiche. Die beiden Frauen erzählten sich von einem großen Künstler in der Stadt Aphrodisias, der Götter und Heroen, Faune und Kentauren und sonst alle Fabelwesen zu Erz und Marmor umschuf. Da wußte ich sogleich, auf welche Weise ich zu einem leiblichen Tode gelangen konnte: zur Entgeisterung, Erstarrung, zur Umwandlung in Erz oder Stein.

Wie ich wollte, so ist mir geschehen ...

Das ist meine Geschichte, große Himmlische, du Siegerin über Menschen und Götter.«

13.

In dem schweren Schweigen des antiken Geisterspuks dieser Frühlingsnacht erschallte ein weicher Wohllaut. Die Stimme der großen Göttin war's, welche fragte: »Vermag ich dir einen Wunsch zu erfüllen?«

»Was für einen Wunsch?«

»Zum Leben will ich dich nicht wieder erwecken. Was solltest du, armer Geselle, wohl noch auf der Welt? Sie kennt keine Götter mehr; also auch keine Kentauren. Es würde dir daher auf Erden schlecht ergehen. Die Römer würden dich bei ihren Karnevalsfesten als ›Barbari‹ laufen lassen; sie würden dich hetzen und höhnen, dich wohl gar wie einen Büffel vor einen Karren oder Pflug spannen.

Werde daher auch du wieder fühlloser Stein wie wir alle hier, die in dieser leuchtenden Frühlingsnacht durch die holden Frauen Apolls für einige Stunden zum Leben erweckt wurden. Uns allen ist besser, ist tausendmal besser, in der neuen Zeit, die hereinbrach, starre stille Bildsäulen zu sein.

Aber siehe, Lieber: ich könnte dich von dem bösen kleinen Gott befreien; denn er trieb es wahrlich arg mit dir. Ich könnte deine Hände aus ihren Fesseln lösen und den grimmigen Schmerz aus deinem Antlitz streichen. Wünsche also, mein Freund.«

Des Kentauren Antwort lautete: »Was ich war, will ich in Ewigkeit bleiben. Da ich von meiner großen Liebe nicht mehr zu spielen und zu singen vermag, so sollen die Menschen sie an meinen gefesselten Händen, an meinem gramvollen Angesicht erkennen. Und sie sollen daraus erkennen, daß auch ein Tiermensch lieben kann — wie sie; also auch er eine gottgeschaffene Seele besitzt — wie sie. Vielleicht, daß sie alsdann mich und meinesgleichen weniger verachten.«