Am Vormittage besuchten die Fremden zu hellen Haufen das Museum des Kapitols. Sie kamen mit braunen und roten Büchern in den Händen, schlugen darin wichtig nach, lasen eifrig; und wenn eine Statue mit einem Stern bezeichnet war, so blieben sie davor stehen und fanden das besternte Steinbild in allen Sprachen Europas ganz besonders wundervoll, oder reizend, oder sonst etwas.

Am begierigsten drängten sie in das Kabinett der »Venus vom Kapitol«, verglichen sie mit anderen Standbildern der großen Göttin der Liebe; und die meisten fanden die Mediceerin um vieles herrlicher, was jedoch niemand laut sagte.

Aber auch die beiden Kentauren des Aristias und Papias aus Aphrodisias in Karien fanden Beachtung. Die Fremden lasen darüber: »Das Motiv der Gruppe ist die verschiedene Wirkung der sinnlichen Liebe auf das reifere und das jugendlichere Alter.«

»Ach so! ... Seht! Der Junge hat den Amor abgeworfen: Jugend läßt sich nicht fangen ... Aber seht das andere mythologische Vieh! Alter schützt vor Torheit nicht! Selbst nicht solchen Halbmenschen.«

Sie lachten.

Die Toteninsel.

Es war zu Roms goldener Zeit. Die Kaiserstadt am Tiber war in Flammen aufgegangen und soeben aus der Asche neu entstanden. Was der menschliche Geist an Herrlichkeit, an Üppigkeit und Vergeudung, an ungeheuerlichster Verworfenheit und schändlichem Laster hervorbringen konnte, ward ausgesprochen, wenn man Rom nannte. Mit dem Wahnwitze Neros war die schreckliche und scheußliche Kaiserkrankheit bereits typisch geworden: es gab nichts, was in der Welt, die jener Grimasse eines großen Herrschers untertan war, unmöglich gewesen wäre.

Noch lebten die Götter Griechenlands. In Rom befand sich eine Stadt von Tempeln, welche ein Volk von göttlichen Bildnissen aus Marmor, aus Gold und Elfenbein bewohnte. Überall standen die Altäre der Olympier. Aber bereits schwebte über der Glorie dieser Götterwelt der Schatten des Kreuzes, unter dessen triumphierendem Zeichen der Glanz der goldenen Roma erblassen, die Tempel zerbrechen, die Altäre stürzen, die Götter vergehen sollten; bereits stieg von Golgatha der Dunst vergossenen göttlichen Blutes auf, den alle Wohlgerüche Arabiens nicht zu überduften vermochten, und das bacchantische Evoe des Heidentums durchzitterte der letzte Seufzer des sterbenden Gottessohnes; in der von Lust und Genuß übersättigten Menschheit erwachte die Sehnsucht nach einem erlösenden Tode.

Rom war das Meer brausender Lebensfreuden, schäumender Daseinswonnen und schimmernder Herrlichkeiten, von dem nach allen Himmelsgegenden Ströme ausgingen, die Welt mit Wogen römischen Glanzes und römischer Verderbnis überflutend. Einer dieser zahllosen Kanäle, welche römische Kultur, Sitte und Fäulnis über die Erde verbreiteten, lief durch Latium dem Meere zu, die ganze Küste von Centumcellae bis zu dem wollüstigen Bajä mit einem strahlenden Bande von ländlichen Lusthäusern und Prachtbauten säumend, so daß der Strand weit hinausleuchtete in die blauenden Fernen des herrlichen, von Göttern und Menschen geliebten, tyrrhenischen Meeres.