Und die römische Herrlichkeit schimmerte gleich einem Nebelstreif zu einem winzigen Klippeneilande hinüber, das weltfern in der erhabenen Einsamkeit der Meeresfluten ruhte.
Die Insel war der Krater eines toten Vulkans, tief lag der mächtige Berg in die Wellen versenkt. Nach dem Festlande zu hatte die Gewalt des unterirdischen Elementes die Rundung gesprengt, auseinandergerissen und teils in die Tiefe des Kraters selbst, teils in den Abgrund der Wellen geschleudert. Als ein Halbkreis von mächtigen Wänden, an denen kein Pflänzlein Wurzel zu fassen vermochte, entstieg der braune Lavafels dem Meere; gleich dem Thron des Neptun erhob sich der geborstene Gipfel über der leuchtenden Wogendecke. Möven umkreisten die Klippen, der Seeadler ruhte darauf, die Wellen schlugen beim Sturme schäumend und donnernd daran; aber keines Menschen Fuß berührte das öde Gestein. In langer Kette zogen die Jahrhunderte an dem einsamen Felsen vorüber, langsam eine Wandlung vollziehend.
Der vulkanische Stein verwitterte, und wo der Krater in sich zusammengestürzt war, deckte eine dünne Erdschicht die Trümmer. Winde und Vögel trugen geschäftig aus beiden Weltteilen Samen von Bäumen und Blumen nach dem Eiland hinüber. Im Halbkreis der Felsenmauern blühte es auf; ein tiefschattiger Hain entstand, ein paradiesisches Gefilde, die köstlichste Wildnis von Blumen und Blüten, in denen Scharen buntgefiederter Vögel nisteten, ringsum die Luft mit Gesang erfüllend, so daß Vogellied das Rauschen der Meeresflut übertönte.
Dann entdeckte der Mensch das glückselige Eiland. Von der Küste her kamen die Römer, und da die winzige Klippe zu wenig Raum bot, als daß ein Volk von Lebendigen darauf hätte Fuß fassen können, wurde die Insel zu einer Wohnstätte der Toten bestimmt. Man sprengte Galerien in das Gestein, wölbte Grotten und Grabkammern, rodete den Hain aus, die Platanen und Steineichen, die Palmen und Pinien, und pflanzte den Toten schwarze Zypressen, in deren Mitte sich leuchtend der Altar erhob, darauf den Unsterblichen das Opferfeuer angebrannt wurde. Was die tiefen Schatten der Bäume durchstrahlte, weit bis ins Meer hinaus, das waren die Rosen, deren Heimat der meerumbrandete Fels zu sein schien: Rosen umblühten die Stufen des Altares, Rosen umrankten die Stämme der Zypressen, durchwanden die starren Zweige, kletterten hinauf in die Wipfel, stürzten sich von droben in schimmerndem Blütenfall zur Erde nieder.
Und Rosen bedeckten ringsum die braunen Klippen! Gleich einem strahlenden Vorhang hing es von den jähen Wänden, in deren Tiefen die Toten ruhten, bis hinab in die Fluten. Die rosigen Blumenwellen trieben auf den Meereswogen.
Generationen von Menschengeschlechtern schliefen in den engen, dunklen Kammern vom Leben aus; ein ganzes Volk von Toten bewohnte das liebliche Eiland, schon war es mit Sarkophagen und modernden Leichnamen angefüllt, aber das Blühen der Rosen nahm kein Ende. Mancher, der aus der blauen Flut das schimmernde Eiland auftauchen sah, rief, ernsten Auges hinüberspähend, mit gedämpfter Stimme aus: »Seht dort — die Insel der Seligen!«
Die Insel der Seligen, wie das Eiland von den Küstenbewohnern bald allgemein genannt wurde, war zur neronischen Zeit außer von der Heerschar seliger Toten nur noch von einem Priester und einem Hüter der Gräber nebst ihren Familien bewohnt. Der Priester, welcher dem Dienste der Totenopfer oblag, hieß Atinas und war ein überaus gottesfürchtiger, in seinem Glauben strenger und eifriger Mann. Sein Weib führte den göttlichen Namen Trivia. Leider starb die Frau in jungen Jahren, nachdem sie ihrem Gatten, der sie heiß liebte, einen Sohn geboren hatte. Die Götter mögen wissen, was aus dem kleinen Tullus geworden wäre, hätte das Weib des Grabhüters Daunus nicht mütterlich des Knäbleins sich angenommen. Zur selben Zeit, als Trivia einem Kinde das Leben gab und daran starb, ward auch die wackere Larina Mutter eines Mädchens, so daß sie die Quelle ihrer Brust zwischen dem mutterlosen Knaben und ihrem eigenen Kinde teilen konnte. Der arme Atinas hüllte sein totes Weib in ein Linnen, opferte für ihren Schatten den finsteren Gottheiten und half Daunus den Leichnam in eine Grabkammer tragen. Da fast alle Höhlungen der Felsen ihre Sarkophage oder Aschenurnen bereits empfangen hatten, mußten die Männer mit der Gestorbenen bis in das höchste Stockwerk des großen Totenhauses hinauf, woselbst sich noch einige leere Zellen befanden: eine mühselige Wanderung beim Scheine der Fackel durch die Nacht des engen Felsenganges. Als das Grab seine ewige Bewohnerin aufgenommen hatte, meinte Daunus: »Nun ist unser Tagewerk hier bald getan. Wenn unsere Kinder groß geworden sind, schiffen wir uns alle ein, fahren nach Antium hinüber und wandern miteinander nach Rom. Dort soll es uns gut gehen! Die Toten hier werden wohl von den Wellen bewacht werden und auf deinem Altare, mein guter Atinas, mögen die Zypressen und Rosen den Göttern opfern.«
Atinas erwiderte nichts. Er gedachte seiner Toten und daß sein Weib ihren Knaben nicht sehen sollte, wenn er groß geworden war und mit der jungen Acca nach Rom zog.
Anderen Tages wurde der Eingang zur Grotte, darin sich nur noch Platz für einen Gestorbenen befand, vermauert, und Larina flocht aus Zypressenzweigen und bunten Bändern eine Tänie[A], die Atinas trauernd über die Grabtür hängte.