[A] Binden, die man den Toten weihte.
Einträchtig lebten die Inselleute weiter. Atinas, dessen von Natur finsteres Gemüt sich mehr und mehr verdüsterte, wohnte auf der einen Seite der Insel, wo neben dem eingestürzten Kraterrand der Fels als mächtige und unzugängliche Wand ins Meer abfiel, seinen treuen Gefährten in der Einsamkeit gerade gegenüber. Zwischen beiden Behausungen lag der Zypressenhain mit der Blumenwildnis und dem Altar in seiner Mitte. Beide Hütten waren ehemalige Grabkammern, in welche man nach dem Meere zu Fenster eingebrochen hatte. Aber weder bei Atinas noch bei Daunus war es den Räumen anzumerken, daß sie während vieler Jahrhunderte von Toten bewohnt gewesen. Die Wände waren mit hellem Stuck überzogen, darauf heitere Gemälde: Landschaften, Genien und anmutige Menschengestalten, Bilder des Lebens, der Schönheit und der Freude erglänzten; ein bunter Fries, an dem Gewinde von Blumen und Früchten niederhingen, umrandete die mit lichten Stuckaturen geschmückte Decke. Der Fußboden trug eine schöne Mosaik und wurde an festlichen Tagen mit wohlriechenden Kräutern bestreut.
Die Geräte beider Wohnungen waren überaus schlicht und ihrer nur sehr wenige; sie genügten indessen den Bedürfnissen der Bewohner. In der einen Kammer stand neben dem Ehebette der Webstuhl; in einem andern Gelasse befand sich der Stein, darauf das Brot gebacken und die Fische gebraten wurden, befanden sich auch die verschiedenen Amphoren, Gefäße von nicht allzu mäßigem Umfange, und der Platz, um den Mischkrug zu bewahren.
In dem kleinen Nachen, für den die sorgende Natur an dem Gestade der einen Inselseite einen winzigen Hafen geschaffen, trat der biedere Daunus einmal in jedem Monat die Meerfahrt nach Antium an. In dieser herrlichen Stadt, in deren Mauern der Kaiser geboren worden, beschaffte er für sich und seinen priesterlichen Freund alles, dessen das Haus und der Grabkultus bedurfte: Mehl und Salz, Öl, Wein und Flachs, buntes Bandwerk, um Tänien zu flechten, und allerlei Spezereien für den heiligen Opferdienst.
Nach glücklich abgeschlossenem Handel und nachdem er sich beim Oberpriester des Apollotempels gemeldet, unter welchem hohen Heiligtum die Gräberinsel stand, schiffte Daunus so eilig wie möglich wieder zurück. Die reiche, lärmende Hafenstadt mit ihrer Menge von prangenden Tempeln, Basiliken und Hallen war für sein ehrliches, weltfremdes und weltscheues Gemüt voller Schrecknisse, Gefahren und Nöte, denen er sich erst dann glücklich entronnen fühlte, wenn er sich weit entfernt von dem sirenischen Gestade auf offenem Meere befand. Segelte er seiner lieben Gräberinsel zu, so war ihm, als ob die Wellen ihn einem seligen Gestade entgegentrügen, und das Herz bebte ihm bei der Vorstellung, daß, sobald die Kinder groß geworden, sie ihr friedliches Eiland verlassen und nach Rom ziehen würden, um sich in dieser ungeheuren Stadt ihres Lebens zu erfreuen. Der gute Daunus zerbrach sich bereits jetzt den Kopf, wie sie es dereinst anfangen sollten, in dem Gedränge der Gassen nicht erstickt und erdrückt zu werden. Wenn schon das kleine Antium als ein Rom erschien, wie groß mußte dann erst die Stadt des Kaisers sein!
Die glückliche Rückkehr des Daunus aus der weiten, weiten Welt war auf der Insel jedesmal ein Ereignis. Der Weitgereiste sollte erzählen. Larina erkundigte sich eifrigst nach allerlei Frauenangelegenheiten: ob die vornehmen Antiatinnen sich immer noch das Haar auftürmten, des Nachts frisches Hühnerfleisch auf die Gesichter legten und Belladonna in die Augen gössen? Ob die Frau des Cäsars wirklich goldenes Haar hätte, ein Hemd aus Byssus[B] trüge, wie Spinnweb so fein, und eine Freigelassene wäre? Ob Daunus einen Gladiator gesehen und ob in Antium nicht bald wieder ein Fest gefeiert würde, bei dem wilde Tiere gefangene Übeltäter zerrissen?
[B] Batist.
Der schweigsame Atinas fragte nur nach einem; aber er fragte es jedesmal: »Sage, o Daunus: werden in Antium die Götter geehrt?«
Dann wurde Daunus redselig: »Das will ich meinen! Welche Tempel, welche Bildnisse, welche Weihgeschenke! Es ist nicht zu glauben!«
»Und in Rom? Hörtest du in Antium sagen, daß auch in Rom den Unsterblichen eifrig gedient würde?«