Leise erhob er sich und schlich davon in die Finsternisse des heiligen Haines. Hier, auf den Stufen des Altars, darauf das Opferfeuer verglühte, warf er sich nieder, seufzte, schluchzte, weinte. Schön war das Leben, denn Acca atmete es! Aber noch schöner mußte es sein, das Leben dahingeben zu können, zu sterben — ganz gleich, um was; starb man nur den Tod eines Helden. Acca kam dem Freunde nachgeschlichen. Sie kauerte neben ihm nieder, raunte ihm zu, tröstete ihn. Aber selbst Acca vermochte nicht ihn zu trösten. So geschah es manche Nacht.

Daunus befand sich auf einer seiner gewöhnlichen Fahrten nach Antium, mußte indessen jede Stunde zurückkehren. Es war Abend geworden, das Meer bewegt, der Himmel bewölkt; aber der Wind erwies sich dem Heimkehrenden günstig, so daß die Seinen um den einsamen Schiffer nicht zu sorgen brauchten. Da der Herbstabend kühl war, hatten sie sich in der Kammer des Atinas versammelt. Die dreiarmige Lampe brannte; auf dem Herde knisterte das Feuer; vor dem Fenster hing der bunte Teppich herab. Man hörte das Rauschen des Windes in den Zypressen und das Meer an den Felsen rollen.

Atinas erzählte von den Göttern, in deren urewiges Sein und Wesen sich der Priester mit immer größerer Inbrunst versenkte, eifrig bestrebt, in seinem Sohn dem Unsterblichen einen wahrhaft frommen Diener zu erziehen. Und das schien dem Vater zu gelingen; denn so wenig der junge Tullus von der Welt und dem Leben kannte, so gut Bescheid wußte er mit den Himmlischen, die er liebte, ehrte und fürchtete und die ihm überaus hehr und herrlich zu sein schienen.

Dann vernahmen sie den lauten Ruf des heimgekehrten Daunus. Larina und Tullus standen auf und gingen hinaus; der Nachen mußte ans Land gezogen und die Ladung in den Kammern geborgen werden. Das war bald geschehen. Nach einer Stunde saßen alle beim Herdfeuer; Daunus labte sich am Wein und sprach kräftig den warmen Ölkuchen und den gebratenen Fischen zu, die seine Hausfrau ihm bereitet hatte. Gegen alle Gewohnheit war der Gute, der sich sonst seiner Rettung aus den Gefahren der Welt und der Bergung im sicheren Hafen mit lautem Behagen erfreute, diesmal seltsam verdüstert und in sich gekehrt.

Man bestürmte ihn mit Fragen: Wie war es in Antium gewesen? Was hatte er vom Kaiser gehört? Welche Neuigkeiten über den Brand von Rom, der immer noch in den Gemütern lebte? Hatte es sich bestätigt, daß der Kaiser, purpurgekleidet, lorbeergekrönt, in einem von zwölf weißen Rossen gezogenen, goldenen Wagen nach seiner Vaterstadt gekommen war, um im Theater vor dem Volk der Antiaten zu singen und sich am nächsten Tag auf dem Forum als höchsten Gott ausrufen und anbeten zu lassen?

Nun ja, bestätigt hatte sich die Kunde. Atinas fuhr wild in die Höhe; aber Daunus blieb wortkarg. Endlich schmeichelte es Acca aus ihrem Vater heraus.

»Was soll mir geschehen sein? Geärgert habe ich mich! Denkt euch: da gibt es jetzt Menschen, die behaupten, unsere Götter wären nicht Götter. Solche Bestien! Sie verkünden einen andern Gott, den sie Jesus nennen und der aus der asiatischen Stadt Nazareth ist. Kann man sich solches vorstellen? Diesen Jesus von Nazareth haben die Juden, als Tiberius Kaiser war, unter dem Statthalter Pilatus in unserer Provinz Judäa gekreuzigt. Der soll nun ein Gott sein.«

Atinas war aufgesprungen. Mit heiserer Stimme stieß er hervor: »Wie sagtest du, Daunus? Unsere Götter wären nicht Götter? Es gibt Leute, die solches auf der Straße ausrufen und die von dem Grimm der Götter nicht zermalmt werden? Sie leugnen Jupiter und predigen von einem Gott Jesus, der unter Kaiser Tiberius gekreuzigt ward? Ei, Daunus, ein Toter soll ein Gott sein und unsere Unsterblichen sollen niemals gelebt haben? Mein wackerer Daunus, welcher laurentinische Äsop hat dir in Antium Fabeln erzählt?«

Auch Larina schüttelte den Kopf über ihren Hausherrn, der solche Geschichten mitbrachte. Die Götter wären nicht Götter! Hatte man jemals so etwas gehört? Besorgt beobachtete die verständige Frau den Gatten, ob nicht etwa der Trank des Bacchus aus ihm rede. Doch schien jener gütige Himmlische dem wackern Mann gänzlich fern geblieben zu sein.

Mit stummen Schrecken blickten Acca und Tullus einander an; es sollte keine Götter geben! Der Jüngling war erblaßt; er mußte an den neuen Gott denken, der wie ein Mensch gestorben war. Die Götter Roms starben nicht!