Nun erzählte Daunus. Und wenn er nichts mehr wußte, wiederholte er das Gesagte. Atemlos lauschten sie auf seine verworrenen Reden, Atinas mit einem Ausdruck in seinem mächtigen Antlitz, daß sein Sohn voller Scheu zu ihm hinübersah. Daunus berichtete, wie die Nazarener — so nannten sie sich nach ihrem Herrn — den neuen Gott begeistert verkündeten, wie sie die alten Götter lästerten, wie sie von den ergrimmten Römern sich töten ließen, wie sie sterbend voller Glückseligkeit waren; denn ihr Tod vereinigte sie mit ihrem gestorbenen Unsterblichen. Mit eigenen Augen hatte Daunus in Antium solche Nazarener erblickt. Sie sahen ganz aus wie andere Menschen, kleideten sich auch so, aber sie hielten sich still und grüßten einander mit einem besonderen, feierlichen Gruße.

Daunus schloß seine Rede: »Und das ärgste ist, daß dieser Gott Jesus eines Zimmermanns Sohn gewesen sein soll. Wäre er noch Kaiser gewesen!«

Aber da stieß Atinas, der in düsterem Schweigen und halber Entgeisterung dagesessen hatte, einen Seufzer aus, so laut und schmerzlich, daß es wie ein Stöhnen klang. Und der Priester gedachte des Kaisers, der, nachdem er öffentlich vor allem Volk als Schauspieler, Sänger und Rosselenker aufgetreten war, sich als höchste Gottheit hatte ausrufen lassen. Und auch das hatten die Götter geduldet! Dies bedenkend, schämte sich Atinas über die Schmach, welche die Unsterblichen sich selber zugefügt.

Bis spät in die Nacht hinein blieben die Freunde beisammen. Der Wind legte sich, die Wolken verzogen sich; der Insel gegenüber stand am Himmel ein kleiner leuchtender Streifen: der junge Mond. Es war, als wäre das Firmament aufgeritzt und Glanz quelle hervor.

Atinas erhob sich und sprach feierlich: »Laßt uns den Göttern ein Opfer bringen.«

Er verließ die Kammer. Acca füllte die Opferschale. Tullus holte die Spezereien und alle begaben sich zum Altar. Als die Flammen stiegen, hob Atinas die Schale: »Euch, die ihr ewig seid!«

Und er sprengte den heiligen Wein.


Trübe Tage folgten jener Nacht. Das Gemüt des Atinas blieb verdüstert und es stürmte in der Seele des sonst festen und sicheren Mannes. Er trug sich mit schweren Gedanken, verbrachte die Tage in der Tiefe des Haines, sogar den geliebten Sohn meidend, dessen Geist er nach seinem Geist gebildet und mit dessen Leben sich dereinst das seines Vaters erfüllen sollte. So oft er jetzt seines priesterlichen Amtes waltete, spendete er das Opfer den »ewigen« Göttern, jenen Herrlichen und Hehren, die da waren, die da sind, die da sein werden.

Wochen verstrichen. Der Herbst brachte die Regenzeit. Unaufhörlich strömte es hernieder; dichte, graue Wolkenschleier umhüllten das Eiland, weder Sonne noch Mond waren zu erblicken; die ganze Welt schien in Dunst und Geriesel sich auflösen zu wollen.