»Ob wir wohl einen Nazarener zu sehen bekommen?«
Sogleich verfinsterte sich des Jünglings Gesicht. Er preßte die Lippen zusammen und murmelte: »Ich hasse sie.«
Acca wollte ihn bitten, das nicht zu tun; Tullus schaute aber so finster drein und hatte eine so feindselige Miene, daß sie schwieg.
Bereits befand sich das Boot mitten im Gewühl des Hafens; doch achtete niemand der beiden. Tullus ermahnte: »Du darfst dich nicht fürchten. Ich beschütze dich. Es soll niemand wagen, dich anzurühren, sieh nur recht mutig drein und kehre dich nicht an das Geschrei! Ich habe es mir viel schlimmer gedacht. Sobald wir gelandet sind, suche ich einen Schiffer, der mit dem Nachen zur Insel zurückrudert. Dein Vater wird froh sein, das Boot wiederzuhaben und den Mann gewiß für die Fahrt bezahlen. Das müssen wir ihm sagen, verstehst du. Ich werde schon alles besorgen, fürchte dich nur nicht! Du bist ganz bleich. Gewiß hungert dich. Wie gut, daß wir Geld haben! Dafür können wir uns kaufen, was wir wollen. Es wird herrlich sein. Die Götter werden uns beschützen.«
Es währte einige Zeit, bis sie ans Ufer kamen. Der Nachen erhielt von allen Seiten Stöße, von allen Seiten wurde der junge Fährmann angeschrien. Doch schließlich gewannen sie festen Boden unter den Füßen. Schwindlig von der langen Fahrt stieg Acca ans Land; Tullus faßte sie bei der Hand und schickte sich an, einen Schiffer zu suchen, dem er das Boot übergeben konnte. Die Sache war bald erledigt. Der Mann, den Tullus deswegen ansprach, zeigte sich sofort geneigt; gleich am Abend wollte er nach der Insel ausbrechen. Mit stockender Stimme bat Acca den Boten, an die Eltern Grüße auszurichten und ihnen zu sagen, daß — — nein, nur grüßen sollte er Vater und Mutter, vielmals grüßen. Der Mann versprach es zu tun. Die Menschen waren doch viel freundlicher und hilfreicher, als die jungen Leute geglaubt hatten, und beide fühlten sich von froher Hoffnung beseelt.
Wie von einer Last befreit, nahmen sie von dem gefälligen Antiaten Abschied, sich Hand in Hand in das Gewühl der großen und prächtigen Stadt begebend; zunächst, um bei anderen freundlichen Menschen ihren Hunger zu stillen. Es schmeckte prächtig! Sie genossen weißes Brot und heißen, aus Gewürzen bereiteten, mit Honig versüßten Wein. Auch für ihre Wanderschaft kauften sie ein. Neugestärkt erfragten sie den nächsten Weg nach Rom. Zuerst sollten sie die Via Severiana gehen, welche längs der Küste hinführte und sodann die Straße nach Ardea einschlagen. Tullus wollte, ehe sie Antium verließen, die Tempel der höchsten Götter besuchen; aber Acca bat ihn inständig, sogleich aufzubrechen, damit sie bald nach Rom und zu Vater Atinas gelangten. Der Gefährtin zuliebe zügelte der Jüngling sein ungestümes Verlangen; doch waren sie bereits müde vom Schauen und Staunen, als sie sich noch in den Straßen Antiums befanden.
Schon seit Stunden wanderten sie und immer noch schienen sie aus der Stadt nicht herauszukommen; denn immer noch schritten sie zwischen herrlichen Bauwerken dahin und hatten Mühe, den Wagen und Fußgängern auszuweichen. Aber als Tullus sich erkundigte, ob Antium noch nicht bald ein Ende nehme, hörten sie, daß sie die Stadt bereits gute fünf Miglien hinter sich hatten.
Sie sprachen unterwegs nicht viel. Von Zeit zu Zeit fragte Tullus seine Gefährtin mit leiser Stimme: »Bist du glücklich?«
Diese erwiderte jedesmal ebenso leise: »Ich bin glücklich.«
Ihre Hände hielten sie fest ineinandergeschlossen.