»He, ihr! Was wollt ihr eigentlich in der Stadt? Zwei solche Vögelchen!«

Tullus fand auf diese Frage nicht gleich eine Antwort. Der Bauer murmelte verdrießlich: »Nun, was geht's mich an? Ich meine nur. Nehmt euch vor der Stadt in acht! Das meine ich, obgleich es mich nichts angeht. Ihr seid ein hübsches Paar. Noch blutjung! Hättet auch noch ein Jährchen warten können, ehe ihr Mann und Frau wurdet. Juno, die reinen Kinder! Seht nur zu, daß ihr bald zu einem Stücklein Feld kommt, mit einer Hütte darauf und Kindern darin. Das ist das beste. Und je entfernter von der Stadt, um so besser; recht weit fort von der Stadt, das ist am allerbesten. — Nun, was geht's mich an? Hier ist das Haus meines Herrn, hier müßt ihr absteigen. Die Götter seien mit euch: die alten und die neuen; man muß es mit allen halten.«

Der Karren hielt; die beiden stiegen ab, schweigend, ohne ihrem freundlichen Lenker ein Wort des Dankes und des Lebewohls zu sagen. Sie gingen fort, immer noch stumm, mit gesenkten Augen und sich nicht mehr bei der Hand haltend.

Sie wußten selbst nicht, wie es gekommen war: auf einmal merkten sie, daß sie von der Landstraße abgewichen und sich auf einem einsamen, mit Gras und Blumen überwachsenen Wege befanden. Zwischen silbergrauem, gelbblütigem Fenchel und dunklem Akanthus wucherten üppige Asphodelen und die blassen, schönen Blumen der Aronswurzel; den Eppichüberhang der Hecken durchrankte buntes Kaprifolium; Schlehen und Goldregen blühten. Die stumme Acca pflückte den Mantel voller Blumen, daß sie mit ihrem lichten Haar und den strahlenden Augen der Tochter des Ceres glich, welche Blüten spendend über die Flur wandelt. Kein Auge ließ Tullus von der schlanken, ihm vorausschreitenden Gestalt, die ihm plötzlich wundersam verändert deuchte. Zum erstenmal gewahrte er ihren schwebenden Gang, gewahrte, mit welcher Anmut sie das Köpfchen trug und die Arme bewegte, wie strahlend ihr Blick, wie lieblich ihr junger Mund. Aber zugleich erschien ihm die Gefährtin geweiht und heilig, ein göttliches Wesen, das keine irdische Hand berühren durfte. Wenn ihr Gewand ihn streifte, überliefen Schauer den Jüngling.

Auch er fühlte sich wie durch Zauber ein anderer geworden. Ein wütender Schmerz bebte in ihm auf, eine unsägliche Wonne; ihm war's, als zersprengte es seine Brust, als müßte er ersticken; er dachte nicht daran, daß er in Rom war, sondern, daß er bei Acca weilte; er sehnte sich nicht mehr nach Heldentaten; sein einziges Verlangen war, immerfort bei Acca sein zu dürfen, an ihrer Seite, so wie heute in die Helle des Sonnenuntergangs hineinzuwallen, weiter und weiter.

Über ihnen war der Himmel Glanz und Glorie; durch die Blütenmauern schritten sie hinein in die flammende Abendröte.

Es begann zu dämmern. Schleier woben sich um den Glanz, verhüllten die himmlischen Flammen, erstickten sie. Schatten stiegen auf; sie wuchsen und wuchsen. Aber schon schimmerten die Sterne. Es war wie in einem Mysterium.

Die Nacht brach an, eine Frühlingsnacht voll balsamischen Wohlgeruches, voll Sternenglanz und geheimnisvoller Stimmen.

Sie gelangten auf eine weite Wiese, weiß von Narzissen. Ein Bach durchfloß die Flur, die Ufer waren mit einem Kranz heller Lilien besäumt. Nirgends war ein Haus, nirgends ein Mensch zu sehen. Inmitten der lichten Weite ruhte ein großer, schwarzer Schatten, gleich einer dunklen Insel in diesem Blumenmeer. Eine breite Spur von zerknickten Stengeln, zertretenen Blüten hinter sich lassend, schritten sie darauf zu.

Über Rom schwebte ein fahler Schein; einem düstern Gewölke ähnlich lagerte das ferne Gebirg über dem Lande.