Die Stunden vergehen, es muß längst Mitternacht sein, meine Augen brennen im hohen Fieber! Hundertstimmig pfeifen, zwitschern und krabbeln über mir die Fledermäuse, sie nisten im Dach zwischen Wellblech und Holz, dicht über meinem Bett. Ihr Gestank zieht ab und zu wie eine dicke Wolke über die Veranda.
Punkt sechs Uhr abends verlassen sie zu Tausenden in stinkenden schwarzen Massen ihren Schlupfwinkel, um durch die Nacht flatternd Nahrung zu suchen, nur Weibchen und Junge zurücklassend, die ungeduldig zirpend und scharrend auf ihre Ernährer warten.
Da schlürft und schmatzt es dicht neben meinem Kopfe. Fast bewegungslos eingebunden, kann ich mich kaum rühren. Ich drehe langsam den Kopf: eine dicke Ratte sitzt auf dem Rande meines Feldstuhls, hat den Kopf tief in meine Tasse gesteckt und trinkt schnalzend meine Milch. Mit Mühe verscheuche ich sie. Plumpsend springt sie auf den Boden, schleift ihren Bauch über die sandigen Bretter, rast eine Wand empor und springt auf mein Moskitonetz. Dicht über mir piepst sie einige Male und läßt sich dann mit einem Platsch zur Erde fallen. —
Ein irrer Schrei tönt herüber — aus dem dritten oder vierten Zimmer — dort muß ein sehr schwer Verwundeter liegen. Auch mein Beinstumpf brennt in der Blechschiene. Schon über einen Monat liege ich hier bewegungslos auf dem Rücken, den Fuß in die Höhe gebunden!
Mit Mühe richte ich mich auf, starre durch das Moskitonetz in die Nacht. Da vorn liegen schweigend die niederen Grashäuser der beiden Ärzte und der zwei Schwestern vom Roten Kreuz, die von Daressalam geschickt wurden. Gespenstisch heben sich ihre Giebel vom sternenübersäten Nachthimmel ab, gespenstisch in der unendlichen Ruhe und Schweigsamkeit der afrikanischen Steppe, über die hinweg Millionen von Zikaden ihr gleichmäßiges Lied ertönen lassen. Der Nachtwind haucht raschelnd durch die metallenen Moskitogitter der Veranda, fröstelnd sinke ich auf mein Kissen zurück und wickle mich fester in meine Decke.
Das Morphium gaukelt mir bunte Bilder vor, ich denke an die ferne Heimat, an den letzten Kampf der »Königsberg«, unsern Kreuzer, den wir alle so sehr geliebt, der jetzt zerschossen und zerfetzt wenige Stunden weit, dort drüben in der Einsamkeit liegt. —
Von fern hallt das Dröhnen einer Flußpferdherde herüber. Angestrengt lausche ich ihm.
Minutenlang hält es an — minutenlang tritt wieder Stille ein. Plötzlich zerreißt ein dumpfes Brüllen aus nächster Nähe das lastende Schweigen. Ich halte den Atem an: ein Löwe! Da ertönt es wieder und wieder, unheimlich rauh — noch einmal und noch einmal.
Unwillkürlich richte ich mich wieder auf: Zwei Stimmen sind zu unterscheiden — eine tiefe knurrende und eine hellere. Anscheinend ein Löwenpärchen.
Sie umstreifen in weitem Kreis unser altes morsches Holzhaus. Kommen näher und näher, verstummen und ziehen dann kurz brüllend langsam in westlicher Richtung weiter.