Unguja-Sansibar — die Stadt der weißen Türme, der wehenden Palmen, der Sitz des Sultans — früher Beherrscher der Gläubigen der Ostküste, jetzt Popanz der englischen Regierung.

Noch keine fünfzig Jahre sind es her, da durchzogen lange Trägerkarawanen, von den Riesenseen Zentralafrikas kommend, beladen mit Elfenbein und Gummi oder Reihen dunkelhäutiger Sklaven mit sich schleppend, die weiten Buschsteppen und endlosen Waldländer des afrikanischen Festlandes — alle die Blicke, die Schritte nach Osten, der aufgehenden Sonne zu gelenkt, alle nach einem Ziele strebend, der Perle des Indischen Ozeans: Unguja-Sansibar.

Noch keine fünfzig Jahre sind es her, da lösten sich im November, Dezember jeden Jahres gewaltige Dhauflotten von den Küsten Arabiens, beladen mit Teppichen und Stoffen, Waren von Gold, Glas und Silber, hißten ihre dreieckigen Segel, die der einsetzende Nordostmonsun zum Platzen füllte, und traten die weite Reise über die rauschenden Ozeanwüsten an, als einziges Leitgestirn das Kreuz des Südens und die Sonne, mit dem Ziel weit unten am Äquator: Unguja-Sansibar.

Dort trafen sich die Tausende von Karawanenträgern, beladen mit den Erzeugnissen des Urwaldes, der Völker Innerafrikas, mit den Hunderten der schrägmastigen Dhaus, dort wurden die Waren von zwei Erdteilen gestapelt, getauscht und verkauft, dort ragten die Paläste der reichen braunhäutigen, langbärtigen Handelsherren, deren Ohrläppchen kaum das Gewicht des Goldschmuckes tragen konnten.

Jetzt sind die Karawanenzüge abgelöst durch über die Steppe rasselnde Eisenbahnen, die Dhauflotten durch weitbauchige Dampfschiffe. Aufblühende Städte der Küste, wie Daressalam und Tanga, haben fast ganz den Strom des Handels nach Sansibar unterbunden, die Tausende von Kilometer langen Karawanenstraßen nach Bagamojo, dem Überfahrtshafen von Unguja, sind verödet, verlassen, die Regenzeiten sind über sie hinweggezogen, haben sie verwaschen, eingeebnet, und frisches Grün, starrer Busch oder knorpelige Bäume wachsen auf ihnen. Die Karawanenhäuser sind längst verfallen, das Gras des Daches ist verfault, Stützen und Stämme sind vermodert und liegen am Boden, durch Termiten mit einer rotbraunen Erdschicht überzogen und zerfressen.

Auch Bagamojo selbst, die einstige Araberstadt, liegt verlassen da. Nur wundervoll geschnitzte Türpfosten in kleinen einstöckigen Steinhäusern erinnern an vergangene glänzende Tage. Der Strom der Zeit hat eine andere Richtung genommen!

Aber ganz vermeiden konnte er Unguja nicht, und ist es auch nicht mehr der einstige Welthandelsplatz des Ostens, so liegen doch in seiner blauglänzenden, geschützten Bucht Dampfer an Dampfer, wogt unter seinen nickenden, leis raschelnden Palmen ein wirres Gemisch von allen Rassen der Erde.

Copyright Walther Dobbertin.

Deutscher Küstenposten auf Simba-Uranga im Abendsonnenschein