[321] Eine von uns obducirte, von einem Gerüst gestürzte Taglöhnerin starb erst nach 6 Stunden, obgleich die Obduction ausser intermeningealer Hämorrhagie und Rupturen der Leber und Milz, auch eine Ruptur des Herzbeutels und des linken Herzohres ergab. Nach Schuster (l. c.) erfolgte der Tod bei 82 Fällen von Herzrupturen 24mal augenblicklich, 29mal nach wenigen Minuten, so zwar, dass einzelne der Verletzten noch eine Strecke zu gehen oder zu laufen vermochten, in den übrigen Fällen erst nach längerer, selbst Stunden und Tage betragender Zeit. V. auch unseren Fall [pag. 282]. Isolirte Einrisse der Innenwand des Herzens oder des Septums sind selten, doch haben wir sie wiederholt, allerdings stets combinirt mit Verletzungen anderer Organe, beobachtet. Einmal fanden wir auch eine Zerreissung der mittleren Aortenklappe. Solche isolirte Einrisse können möglicherweise ausheilen. In einem von N. Rosenthal (Berliner klin. Wochenschrift. 1883, Nr. 15) mitgetheilten Falle hatte ein zwischen Puffer gerathener Arbeiter einen fingerweiten Riss des Septum ventriculorum durch 8 Tage überlebt.

[322] Ausführliche Angaben über die reiche Literatur des noch vielfach controversen Gegenstandes und Oppenheim’s eigene Untersuchungen finden sich in dessen Artikel „Railway-spine“ in der zweiten Auflage von Eulenburg’s Real-Encyclopädie. XVI, pag. 384, in jedem Jahrgang des Virchow-Hirsch’schen Jahresberichtes und in der von S. Placzek übersetzten Monographie von Page: „Eisenbahnverletzungen in forensischer und klinischer Beziehung.“ Berlin 1892. Vibert, „Traumatische Neurosen bei Kindern“. Virchow’s Jahresb. 1892, I, 459 und Derselbe, Knapp, Higier, ebenda 1893, 478. Besonders instructiv über den gegenwärtigen Standpunkt der Lehre von den „traumatischen Neurosen“ sind die am XII. Congress für innere Medicin vorgetragenen Referate A. Strümpell’s und K. Wernicke’s über diesen Gegenstand (Wiener med. Wochenschr. 1893, Nr. 23 und 25).

[323] Bei einem Manne, dem ein Zuckerhut auf die rechte Bauchseite gefallen und der unter Erscheinungen von Perforations-Peritonitis gestorben war, fanden wir Ruptur einer der linken Leistengegend anlagernden Schlinge des oberen Ileums. Die Ruptur war bohnengross und sass an der dem Gekrösansatze gegenüberliegenden Darmwand und ihr gegenüber fanden sich zwei dem Gekrösansatze parallel verlaufende, je 3 Cm. lange, zackige, mässig suffundirte Schleimhautrisse. Der Fall ist von Interesse, weil die Ruptur wahrscheinlich durch Contrecoup zu Stande gekommen ist und weil er beweist, dass ebenso wie im Magen, auch im Darm durch heftige Erschütterungen isolirte Schleimhautrisse entstehen können. Auch isolirte Einrisse des Peritonealüberzuges kommen vor.

[324] Roser hat seine Anschauungen in dieser Richtung in dem Satze zusammengefasst: „Wer nicht von Geburt aus eine Hernie hat, bekommt auch nie eine solche.“ Nach Wernher: „Geschichte und Theorie des Mechanismus der Bruchbildung“ (Langenbeck’s Archiv. XIV, 2. und 3. Heft) zeigt die äussere Leistenhernie, wenigstens beim männlichen Geschlecht, in den ersten fünf Lebensjahren die grösste absolute Verhältnisszahl der Frequenz, fällt aber von da an sehr rasch bis zum 10. Jahre und in einem grösseren Verhältnisse, als die Abnahme der Bevölkerungszahl erklären kann. Am Ende des zweiten Quinquenniums ist die Zahl der neuentstandenen Leistenhernien am kleinsten geworden, steigt aber von da wieder und erreicht bei beiden Geschlechtern in dem Alter von 25–30 Jahren die grösste absolute und relative Höhe.

[325] Friedreich’s Blätter f. ger. Med. 1873, pag. 26. Vide auch ein Gutachten von Nussbaum, ibid. 1869, pag. 156 und von Socin, Schweizer Correspondenzblatt. 1887, Nr. 18.

[326] Ein forensisches Interesse hat auch die Thatsache, dass fremde Körper verschiedener Art auch in unzüchtiger Absicht in den eigenen und fremden After eingeführt werden (Fälle vide u. A. bei Tardieu, Attent. aux moeurs. 1878, pag. 231, und den unerhörten von C. Majer in Friedreich’s Blättern f. gerichtl. Med. 1882, pag. 457, in welchem ein 16jähriges Mädchen aus Geilheit 4 Kindern durch Bohren mit den Fingern den Mastdarm zerrissen und das Gleiche auch an einer Kalbin und an einem jungen Schwein ausgeführt hatte). Von Verbrechern wird das Rectum nicht gar selten als Depôt für gestohlene Gegenstände, Feilen etc. benützt. (Albert, Lehrb. der Chir. III, 565.) Endlich gehört hierher auch die Simulation, respective künstliche Erzeugung von Mastdarmvorfall, wie sie von Tillenbaum bei galizischen Recruten beobachtet wurde. („Der Militärarzt.“ Nr. 7 und 8; Beilage zu Nr. 16 der Wiener med. Wochenschr. 1878.) Eine ausführliche Zusammenstellung von Mastdarmverletzungen bringt Mantzel, Vierteljahrschrift f. gerichtl. Med. 1893, V, 249. Einen 10 Cm. langen Mastdarmvorfall nach Quetschung der Kreuzbeingegend durch einen Scheunthorflügel hat Hirschberg (Berliner klin. Wochenschr. 1894, Nr. 14) beobachtet.

[327] Als Ursachen der Gangrän des Penis gibt Fournier (Le Semaine méd. 1883, Nr. 50) an: Diabetes (insbesondere Verletzungen bei Diabetikern), Typhus, Malaria, acute Exantheme, Trauma, Paraphimosis, Constrictionen durch Ringe, Ligaturen, Bajonnethülsen etc., Ligaturen des Präputiums (um Bettpissen zu verhindern, in einem Fall, um Befruchtungen zu vermeiden!), Phlegmone, fremde Körper in der Urethra. Ob nach übermässigem Coitus oder Onanie Gangrän entstehen könnte, lässt Fournier unentschieden. Eine seiner Beobachtungen spricht dafür: Ein junger Mann war nach mannigfachen Excessen im Bordell eingeschlafen und wurde während des Schlafes von einem Mädchen intensiv masturbirt. Am anderen Tage Gangrän, die Penis und Scrotum ergriff und am neunten Tage tödtlich endete. Fournier berichtet auch über einen Fall von foudroyanter Gangrän des Penis, für welche gar keine Ursache nachgewiesen werden konnte.

[328] Bezüglich dieser Apparate bemerkt Martin („Ueber Scheiden- und Gebärmuttervorfälle.“ Berliner klin. Wochenschr. 1872, IX, 30), dass schon Hohl die Ansicht zurückwies, dass die Gebärmutter von der Scheide getragen werde. Die eigentlichen Träger der Gebärmutter seien die an Muskelfasern sehr reichen Lig. sacro-uterina und pubo-vesico-uterina. Die Lig. uteri lata und rotunda sind ihrer Lage und Schlaffheit wegen zur Stütze des Uterus in Betreff des Höhestandes nicht geeignet.

[329] Uebrigens zeigen gerade solche Fälle die Dehnbarkeit des Begriffes der „eigenthümlichen Leibesbeschaffenheit“. Da wir nämlich zugeben müssen, dass bei allen Frauen, die bereits geboren haben, eine grössere Disposition zur Acquirirung von Vorfällen besteht, als bei solchen, die noch nicht entbunden haben, eine solche Disposition aber dann eine natürliche Folge physiologischer Vorgänge ist und daher ebenso wie Schwangerschaft und Geburt als ein im Bereiche des Normalen liegender Zustand aufgefasst werden muss, so könnte darüber gestritten werden, ob ein solcher Zustand noch als „eigenthümliche Leibesbeschaffenheit“ im Sinne der Strafprocessordnung genommen werden kann, da das Gesetz höchst wahrscheinlich nur pathologische, nicht aber auch physiologische Zustände dabei im Auge gehabt haben mag, wenn auch viele dieser, wie z. B. das Pubertätsstadium, Wochenbett etc., zweifellos eine grössere Empfindlichkeit gegen gewisse Schädlichkeiten bedingen, als dies ausserhalb derselben der Fall ist.

[330] Auch bei forensischer Beurtheilung von Verletzungen der Genitalien ist die chirurgische Erfahrung im Auge zu behalten, dass nach Operationen an den Geschlechtsorganen, selbst nach geringfügigen, sich häufiger fieberhafte Zustände einstellen, als nach anderen. Es scheint, dass das Auftreten solcher Processe vorzugsweise mit einer acuten Erkrankung der Nieren zusammenhängt (acute Nephritis, Pyelitis), welche wieder der Aufnahme septischer Stoffe von der Wunde aus ihre Entstehung verdankt.