[560] „Psychische Gesundheit und Irrsein in ihren Uebergängen.“ Schmidt’s Jahrb. 1846, II, pag. 263. „Entre un homme de génie et un fou il n’y a pas l’épaisseur de six liards. Il faut que je prenne garde de tomber entre vos mains,“ sagte Napoleon I. zu Pinel, und Maudsley („Die Zurechnungsfähigkeit der Geisteskranken.“ Leipzig 1875, pag. 46) bemerkt: „Merkwürdiger Weise führt eine tiefer eingehende Untersuchung zu dem Ergebniss, dass originelle Anregungen, entschiedene Aeusserungen eines Talentes oder gar eines Genies vielfach von Individuen ausgingen, die einer Familie entstammten, worin eine gewisse Prädisposition zur Irrsinnigkeit vorkam, und es ist bekannt, dass den Visionen und Ekstasen grosser Reformatoren pathologische Exaltationszustände zu Grunde lagen und dass einzelne dieser und anderer berühmter Männer (z. B. Mohamed, Cäsar) Epileptiker waren.“ Vide darüber auch Lombroso, „Genio e Folia“, 2. edit. Milano 1872.
[561] A. Holländer (Zur Lehre von der Moral insanity. Jahrb. f. Psych. 1882, IV, pag. 1) fasst die sogenannte „Moral insanity“ als einfachen Grössenwahn auf. „An letzteren schliesst sich, wenn er auch nicht in fixirter Form zu Tage trat, jene sittlich incorrecte Handlungsweise an, welche man mit dem Namen Moral insanity bezeichnet. Wir haben es nicht mit Leuten zu thun, welche nicht sittlich handeln, weil sie nicht altruistisch fühlen, keine sittlichen Vorstellungen bilden können, sondern mit Kranken, bei welchen der Grössenwahn, ein erhöhtes Machtgefühl die Wurzel ist, aus welcher sich der Kampf mit den Satzungen der Gesellschaft naturgemäss entwickeln muss.“ Auch Klendgen und Schlöss (1889) betrachten das sogenannte moralische Irrsein nicht als eine eigene Irrsinnsform.
[562] Den Einfluss des Standes oder der Lebensschicksale auf die Entwicklung oder Aeusserung des moralischen Irrseins hat namentlich Legrand du Saulle beleuchtet, „Les signes physiques de folies raisonnantes.“ Annal. méd. psychol. Mai 1876.
[563] „L’uomo delinquente“ und das Organ der von ihm gegründeten criminal-anthropologischen Schule: „Archivio di psichiatria, di anthropologia criminale e di scienze penali.“ Ueber die im letzteren enthaltenen Arbeiten wird seit 1881 in Virchow’s Jahrb. von uns referirt. Eine analoge Tendenz verfolgen die von Lacassagne und Coutagne herausgegebenen „Archives de l’anthropologie criminelle et des sciences pénales.“ Siehe auch die Berichte über den criminal-anthropologischen Congress in Rom 1886 und in Paris 1889.
[564] Derartige Schädelbildungen, von denen Legrand du Saulle (l. c.) versichert, dass unter 100 Fällen 50mal zwischen ihnen und Geistesanomalien eine Beziehung besteht, erinneren vielfach an diejenigen niederer Menschenracen und jene von Thieren, insbesondere von Affen, und werden deshalb von mehreren anderen Autoren als Atavismus aufgefasst, d. h. als ein Rückfall in Verhältnisse, wie sie in den früheren Entwicklungsstadien derselben Race bestanden. Hierfür wurde auch herangezogen, dass manche habituelle Verbrecher noch andere körperliche Eigenthümlichkeiten aufweisen, die sich bei niederen Menschenracen als Norm finden, so nach Lombroso eine dunklere Färbung der Haut, ein auffallend dichtes und gekraustes Kopfhaar, spärliches Barthaar, grosse, vom Kopf abstehende Ohren und eine grössere Aehnlichkeit der Körperbildung beider Geschlechter. Die Anschauungen sind nicht ohne Berechtigung, doch lässt sich darüber ebenso streiten, wie über die Frage, ob die merkwürdigste Schädelmissbildung, die Mikrocephalie, als Atavismus oder als pathologische Erscheinungsform im engeren Sinne aufgefasst werden soll.
[565] Westphal, „Die conträre Sexualempfindung“, Arch. f. Psychol., II, 107, bemerkt in dieser Beziehung, dass er sich kaum einen Fall von sogenannter Moral insanity gesehen zu haben erinnere, in welchem nicht epileptische Anfälle zur Evidenz nachweisbar gewesen wären. Lombroso vertritt seit 1885 sogar die Identität der Epilepsie und des moralischen Irrseins.
[566] Arch. f. Psych. u. Nervenkh. 1869, II, pag. 73.
[567] Dieser Umstand muss hervorgehoben werden, da in solchen Fällen auch an die Möglichkeit gedacht werden muss, dass ein männliches Individuum mit verbildeten äusseren Genitalien, eine Hermaphrodisie, vorliegt. (Vide [pag. 84], insbesondere den [pag. 94] erwähnten Fall von Martini, der eine Hebamme(!) betraf, die mit Wöchnerinnen und anderen Weibern Unzucht getrieben hatte, bis sie als ein (männlicher) Zwitter erkannt wurde. Auch die Integrität des Hymen trotz lange geübter Onanie ist beachtenswerth und bestätigt das [pag. 124] Gesagte.)
[568] Andere Fälle von Hotzen, Schuchard, Freyer u. A. s. Virchow’s Jahrb., 1890, I, pag. 482.
[569] Von zwei durch Liman untersuchten Fällen (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. 1882, XXXVIII, pag. 193) betraf der eine einen 28jährigen Gymnasiallehrer, der mit entblössten Genitalien im Thiergarten herumgelaufen war. Derselbe war erblich veranlagt, früher Onanist, mit hypochondrischen Vorstellungen und Sensationen sexueller Natur behaftet und zeitweilig von dem Triebe erfüllt, mit entblössten Genitalien herumzulaufen, was ihm Erleichterung verschaffte. „Der Untersuchte“, sagt Liman, „gehört zu einer Classe von Individuen mit eigenthümlicher hypochondrischer Anlage, deren Aufmerksamkeit von gewissen körperlichen Empfindungen und Vorgängen in abnormer Weise in Anspruch genommen wird, welche über solche grübeln, allerlei sonderbare Vorstellungen daran knüpfen und auf ebenso sonderbare Mittel zur Bekämpfung ihrer Sensationen und Ideen verfallen.“ Im zweiten Falle handelte es sich um einen 30jährigen Hereditarier mit unvollkommen epileptischen Anfällen, periodischem Wandertrieb und Dämmerzustand, während dessen er mehrmals in fremde Häuser ging, seine Genitalien entblösste und Mädchen zeigte. Partielle Amnesie.