»Brauchen?« rief Schalom, »wenn ich aber doch habe? Niemand kann mir verbieten, Angst zu haben. Wenn er nur nicht zu Cooks ist, dort brennen sie Petroleum.«

Schalom kämpfte einen schweren Kampf. Aber endlich siegte die Liebe zu seinem Sohne über seine Furchtsamkeit und er ging hinab, liess ein Pferd satteln, fragte, in welcher Richtung Juda fortgeritten wäre und schlug denselben Weg ein.

Es war indess dunkel geworden und zum Ueberfluss stieg noch dichter Nebel aus den Wiesen und Gehölzen empor. Schalom war es recht unheimlich zu Muthe, aber er trieb sein Pferd an und sprach sich Trost zu. »Du hast täglich Deine Gebete verrichtet«, sagte er, »Du hast strenge alle Vorschriften beobachtet, Du hast reichlich Almosen gegeben, Gott wird Dich nicht verlassen.«

Doch in demselben Augenblick tauchte aus Nacht und Nebel eine weisse Gestalt, die ihm zu winken schien. Das Pferd fiel in Schritt, während Schalom, am ganzen Leibe bebend, zu beten begann. Eine zweite Gestalt, vom Monde geisterhaft beschienen, der langsam aus den Wolken trat! Schon wollte Schalom umkehren, da erinnerte er sich, dass hier der Friedhof lag. Er näherte sich der Mauer und erblickte jetzt die Reihen der Gräber und die Grabdenkmäler von Cypressen umgeben.

Wieder trabte er vorwärts, als plötzlich vor ihm ein schreckliches Getöse entstand, das rasch auf ihn zukam. Er trieb sein Pferd über den Graben, in das Feld, diesmal waren es ohne Zweifel Schaïdim oder gar Lillith selbst mit ihrem Gefolge.

Vor diesem weiblichen Teufel hatte Schalom einen besonderen Respekt. Aus dem Unflath der Erde erschaffen, war sie Adam's erste Frau gewesen und von Gott verflucht, jagte sie Nachts, von einem Heer von Dämonen begleitet durch die Luft. Alle tausend Jahre versucht sie einen Mann zu verführen, um von dem Fluche, der auf ihr lastet, erlöst zu werden.

Wenn sie Juda antraf? Wenn er in ihre Netze fiel?

Schon stürmte ein kleiner Wagen heran, an den zehn schwarze Ponnis gespannt waren. Die Funken stoben unter dem wilden Gefährte, das im Nu vorüberraste und sofort im Nebel verschwand.

Wenige Minuten später ertönte der Hufschlag eines Pferdes, und ein junges, schönes Weib sprengte heran und hielt vor Schalom. Sie war phantastisch gekleidet. Man hätte sie für eine Zigeunerin halten können, wenn sie nicht so blendend weiss gewesen wäre, und wenn ihr Haar nicht goldroth wie eine Flamme um ihre Schultern gespielt hätte.

Es war Lillith, die Verführerin, kein Zweifel. Schalom hatte Lust, die Flucht zu ergreifen, aber sie fragte ihn in gutem Englisch: »Ist dies der Weg nach Bath?« und das beruhigte ihn ein Wenig.