»Du willst Gott dienen«, sprach sie mit einem Ton voll Strenge und Erbarmen zugleich, »Wahnsinniger! Du kennst Gott nicht. Du kennst nur einen Gott des Hasses und der Rache, den Du versöhnen willst, ich kenne einen anderen Gott, den Gott der Liebe und des Erbarmens, den Gott, der den Regenbogen ausgespannt hat nach der Sündfluth als Zeichen des Friedens, den Gott, der sein Volk Israel aus Egypten geführt hat, und der uns in der babylonischen Gefangenschaft beschützt hat, und der uns auch heute nicht verlassen hat, wo wir zur Strafe unserer Sünden über den Erdboden zerstreut sind.«

Zeruja blickte zu Boden und schwieg.

»Thue nicht mehr, als Dein Gott von Dir verlangt«, fuhr das Mädchen fort, »was massest Du Dir an, den Willen Deines Schöpfers besser zu kennen, als er selbst, der ihn ausgesprochen hat auf dem Berge Sinai und durch den Mund des Propheten.«

»Ich muss etwas thun, um Gott zu versöhnen,« murmelte Zeruja, »wenn Du Mitleid mit mir hast, so hilf mir Busse thun. Lege mir schwere Ketten an Hände und Füsse.« Er warf sich mit dem Antlitz zur Erde vor ihr nieder, wie vor seinem Richter und erwartete sein Urtheil.

»Nein«, sagte Sulamith, »Gott will nicht, dass der Mensch sich selbst Leiden auferlegt, er hat jedem sein Theil zugemessen in diesem Leben. Arbeit, Kummer, Schmerz, verlange nicht Prüfungen, die er Dir nicht zugedacht, erwarte alles von Gott und nimm geduldig hin, was er über Dich beschliesst. Suche nicht frömmer zu sein als die Anderen und nicht eifriger als Jene, denen Gott sich geoffenbart hat.«

Zeruja richtete sich auf und blickte das Mädchen an, auf den Knien vor ihr, die Hände gefaltet, wie ein Betender: »Ich glaube, Du hast recht«, murmelte er, »ich verstehe jetzt, wenn es im Traktat Nidah heisst: Gott hat dem Weibe einen schärferen Verstand gegeben, als dem Manne.«

»Gott sei gelobt, der Dich erleuchtet hat.«

»Er hat mich zugleich gestraft.«

»Wie?«

»Weil ich die Qual gesucht habe, hat er mich heimgesucht mit Höllenpein.«