Abner ging und kehrte rasch mit einem homöopathischen Mittel zurück. Während jetzt Mathele das niedliche Thierchen festhielt, öffnete der junge Mediziner demselben mit einem kleinen Löffel die Zähne und flösste demselben die Medizin ein. Das Kätzchen wehrte sich heldenmüthig mit den beiden Sammtpfötchen, indem es zugleich miaute, aber trotz seines Widerstandes wurde die Kur glücklich begonnen und zu Ende geführt, und als Lili zum erstenmal, ihr schneeweisses Fell an der Sonne wärmend, behaglich zu schnurren begann, da blickten Mathele's grosse Kinderaugen mit heiterer Dankbarkeit auf Abner, sie hätten nicht dankbarer blicken können, wenn er sie selbst vom Tode errettet hätte.

Fortan bekam der Mediziner jedesmal ein freundliches, gutes Lächeln zum Gruss, und wenn er unter den Kindern sass und ihnen von den Wundern des menschlichen Organismus erzählte, da hingen die grossen Augen Mathele's mit fast zärtlicher Bewunderung an seinem geistvollen Gesicht, seinen feurigen Lippen.

Und so geschah es, dass er einmal zur Dämmerstunde in das Verkaufsgewölbe Herrn Teller Herschmann's trat, und während die Mutter mit den Kleinbürgern und Bauern schacherte, die Tochter in dem kleinen, mit allerhand bunten Bildern beklebten Verschlag vor dem Hauptbuch sitzend und emsig rechnend fand. Sie sah zu ihm auf, steckte die Feder hinter das Ohr und bot ihm die Hand.

»Guten Abend, Herr Barach.«

»Guten Abend, mein Fräulein.«

»Ich bitte Sie, sich nur einige Minuten zu gedulden«, fuhr sie fast flehend fort, »ich bin gleich fertig.«

»Oh! ich kann warten.«

Er setzte sich auf einen Ballen, der in der Ecke lag, und wurde nicht müde, der kleinen weissen Hand zu folgen, die eilig auf dem Papier hin und her flog, oder das feine gute Gesicht zu betrachten, das sich mit kindischem Ernst über das grosse Buch neigte, während die vollen rothen Lippen sich zählend bewegten.

Endlich legte das Mädchen die Feder hin, und als Abner aufstand, sah er, dass ihre niedlichen Finger ganz schwarz von Tinte waren. Sie hob sie in die Höhe und blickte rathlos empor.