»Gott wird uns beschützen.«

»Gott hat mit Euresgleichen nichts zu schaffen. Guten Morgen.«

Seitdem durfte Abner das Haus Herschmann's nicht mehr betreten, aber Mathele entfloh, so oft es nur anging, den finsteren Räumen, in denen der Wahn und die Selbstsucht regierte und schlich heimlich zu ihrem Oheim Jonas Bienenfeld und sprach dort mit dem Geliebten.

Das währte einige Zeit. Dann musste Abner nach Wien, sein Examen zu machen, und die Liebenden sahen sich lange Zeit nicht, aber Dank dem guten Onkel konnten sie sich wenigstens schreiben, er nahm Abner's Briefe für Mathele in Empfang und sendete die ihren an ihn.

Nachdem er sich das Doktordiplom errungen hatte, liess sich Abner in der Hauptstadt Budapest nieder und begann seine Praxis, und jetzt lächelte ihm das Glück. Ein paar glückliche Kuren machten ihn bekannt, und bald war er ein gesuchter Arzt in der Hauptstadt. Indess wurde Mathele von Tag zu Tag bleicher, sie sehnte sich nach dem Geliebten, sie kränkelte, ihre Augen glühten unheimlich und auf ihren Wangen zeigten sich von Zeit zu Zeit die traurigen Rosen des schleichenden Fiebers.

Zum Ueberfluss entdeckte die Mutter auch noch ihren Briefwechsel mit Abner, und der Vater drohte sie zu verfluchen, wenn sie noch eine Zeile an Abner schreibe oder von ihm empfange. Mathele ergab sich, aber sie welkte dahin, wie ein Mairöslein im Wasserglase.

Und wieder war es Col-Nidre, der Abend vor dem Versöhnungstage, und als Maecha die Kinder in die grosse Stube berief, um die Kapores zu opfern, da fehlte Mathele. Sie war nicht mehr im Stande, ihr Zimmer, den Lehnstuhl, in dem sie sass, zu verlassen. Als die Mutter, einen jungen, mit blauen Bändern aufgeputzten Hahn in der Hand, bei ihr eintrat, streckte sie ihr abwehrend beide Hände entgegen.

»Kein Kapores für mich«, stammelte sie, von heisser Fiebergluth geröthet, »ich werde dennoch sterben. Der Tate soll zu mir kommen auf der Stelle.«