An einem milden Herbstmorgen ging Kätzchen allein durch die entlaubten Baumgänge ihres Gartens. Die Sonne schien, aber sie zog trotzdem ihre Pelzjacke auf der Brust zusammen und verbarg die kleinen Hände in den weiten Aermeln. Sie fröstelte, und sie fühlte sich namenlos unglücklich, das Weinen war ihr nahe.
Da kam ein grosser Mann durch den Garten gelaufen, Assur Menderson, den sie alle den Riesen nannten. Er war aus Galizien gekommen, und Paschallas zog ihn allen seinen Arbeitern vor, denn Assur war Soldat gewesen, hatte sich bei Jagel die Tapferkeitsmedaille verdient, und war ebenso pflichttreu als intelligent.
»Gnädige Frau«, rief er schon von weitem, »wo ist der Herr? er ist nicht in der Fabrik.«
Kätzchen war zu Tode erschrocken, sie fühlte, dass Assur eine Hiobsnachricht brachte. »Was ist geschehen?« rief sie, bleich bis in die Lippen.
»Es geht los«, sagte Assur ernst, »diese Schurken, die seit langer Zeit gegen uns Juden hetzen, haben es endlich erreicht. Der Pöbel ist in Bewegung. Verschiedene Läden sind schon in der Stadt geplündert worden. Die Polizei sieht zu, ohne einzuschreiten. Sie werden auch zu uns kommen. Es heisst bei Zeiten Massregeln zu treffen.«
In diesem Augenblick kam Modruch, er brachte eine zweite schlimme Nachricht. Die Arbeiter in der Fabrik hatten Erhöhung ihres Lohnes verlangt, und da diese nicht gewährt worden, hatten sie die Arbeit eingestellt.
Kätzchen sah ihren Mann an, und als sie ihn kalt und ruhig fand, war sie mit einem Male ruhig. Sie sagte mit einem Tone, der ihm an ihr ganz neu war: »Du wirst Deine Anstalten in der Fabrik treffen, nicht wahr? Ich nehme das Haus auf mich.« Sie reichte ihm die Hand, die er erstaunt nahm, und ging dann rasch in das Haus. Hier ertheilte sie die nöthigen Befehle, ruhig, klug und umsichtig. Sie brachte zuerst ihr Kind in Sicherheit, dann die Kasse und ihre Juwelen. Zuletzt nahm sie den kleinen Revolver von der Wand herab, lud ihn und liess ihn in die Tasche ihrer Pelzjacke gleiten.
Plötzlich entstand im Hofe Lärm. Eine Bande betrunkener Strolche war eingedrungen und begann die Arbeiter zu haranguiren. Der Anführer der Streikenden, Borescu, rief: »Sie haben Recht, man muss alle Juden vertreiben«, und bewaffnete sich mit einer Eisenstange. Andere folgten seinem Beispiel, und jetzt begannen sie mit wildem Geschrei das Thor der Fabrik, das auf Modruch's Befehl geschlossen worden war, einzurennen.
Andere versuchten in das Haus zu dringen. Doch mit einem Male trat Modruch unter die Wüthenden, und sie wichen vor ihm scheu zurück. Er begann ihnen zuzureden, und seine verständigen Worte schienen eine gute Wirkung zu üben, aber Borescu unterbrach ihn heftig und fasste ihn bei der Brust.
»Das Geld oder das Leben, Jude!« schrie er.