Die ganze Stadt stand unter der Herrschaft, ja unter der Tyrannei des Zadik, des Frommen und Gerechten, den die Chassidim als ihr Oberhaupt abgöttisch verehrten. Der Rabbiner Mayer Gorwitz, ein gelehrter Mann von tadellosem Charakter, war diesem Papst der jüdischen Ketzer gegenüber machtlos und war zufrieden, dass er noch eine kleine Gemeinde verständiger Menschen um sich versammelt sah, die den wahren Glauben festhielten und vertheidigten.
Veigele, welche mehr und mehr von einem hässlichen Neid, einer verzehrenden Eifersucht gegen Vögele erfasst wurde, hetzte ihren Mann gegen sie, und Mordahil wieder hetzte den Zadik auf.
Eines Abends, als der Mächtige in seinem Empfangszimmer auf dem Divan sass, von seinen Getreuen und Scholaren umgeben, die bewundernd an seinen Lippen hingen, bemerkte Mordahil, dass dem Zadik die lange, türkische Pfeife ausgegangen war. Er stopfte sie, reichte sie ihm, zündete sie an und flüsterte ihm zugleich in das Ohr: »Vögele Kaftan lässt sich das Haar wachsen, Rabbi, nun wird sie wohl Dein Blitzstrahl treffen!«
Der Zadik, Lewi Jaffa Löwenstamm, verzog keine Miene. Er war in seinem Kaftan von dunkelrothem Atlas, der mit Zobelpelz besetzt und gefüttert war, das rothe, seidene Käppchen auf dem schwarzen Haar, auf den weichen Kissen ruhend, vollkommen das Bild des heiligen Mannes, welcher nach Ansicht der Chassidim der Ruhesitz der Schechinach, der personifizirten Gottheit ist. Aber er glich auch einem Sultan, von Sklaven umgeben und bedient.
Mit kaum fünfzig Jahren übte er eine Macht aus, welche andere erst im hohen Alter erreicht hatten, und man begriff diese Macht, sobald man seine gedrungene, kräftige Gestalt sah, sein ausdrucksvolles, schönes Gesicht und seinen gebietenden Blick, der Jeden erzittern machte, auf den er sich zürnend oder strafend richtete.
»Sie liest auch profane Bücher,« fuhr Mordahil fort.
»Für den Sünder gibt es nur ein einziges Mittel, sich mit Gott auszusöhnen«, sprach der Lieblingsschüler des Zadik, Ruben Nesselblatt, »dieses Mittel ist zu Folge dem Sophar Hamidoth (ein Werk des Bescht, des Stifters der Sekte der Chassidim), wenn er sich stets befleissigt, das Einkommen des Zadik zu vermehren.«
Der Zadik nickte zustimmend.