Bär schwieg und betrachtete verlegen seine glänzenden Stiefel.
»Sie wissen«, fuhr der Rabbiner fort, »dass Gott am Jom Kipur nur jene Sünden vergibt, welche wir gegen ihn, nicht aber jene, die wir gegeneinander begangen haben. Sie müssen am Col Nidre zu Wolf gehen und ihn um Vergebung bitten, und Selma Wolf wird zu Ihrer Frau kommen.«
Die neun Tage der Einkehr und Busse, die dem Jom Kipur vorangehen, hatten Bär mürbe gemacht.
Als die Männer um zwei Uhr im Tempel erschienen, um das Gebet zu sprechen, war er bereits entschlossen, zu seinem Feinde zu gehen. Vorher that er noch reumüthig Busse. Vor dem Tempeldiener niedergekauert, empfing er die traditionellen neununddreissig Streiche mit der Geissel auf den Rücken und kehrte dann still und ernst nach Hause zurück.
Nach dem Abendessen segnete er die Seinen, zog sich an und ging wieder zur Synagoge. Es war schon dunkel in den Strassen und überall sah man durch den Herbstnebel gespensterhafte Gestalten schreiten, ernste Männer mit gesenktem Haupt, mit dem weissen, silbergeränderten Sterbegewand und der weissen Kappe angethan. Wenn zwei sich begegneten, baten sie sich gegenseitig um Vergebung.
Die Schritte Bär's wurden langsamer, dort an der Ecke glänzte das Weinfass Noah's, dort war das Haus seines Feindes.
Noch einmal hielt Bär inne, dann aber beschleunigte er seine Schritte umsomehr und trat in das Haus.
Wolf kam eben die Treppe hinab.
»Ich bin gekommen!! …« begann Bär, er konnte nicht weiter, Thränen erstickten seine Stimme.