Das Haus Gottes strahlte in seinem hellsten Glanze, und all' dieser Glanz schien in Abigails Augen heute nur dazu bestimmt, das Ehrenzeichen auf der Brust des Geliebten noch leuchtender erscheinen zu lassen. Der Rabbiner bestieg die Kanzel um seine Predigt zu halten. Er hatte seinen Text gewählt und sich alles sorglich zurechtgelegt, als aber der alte Mann den jüdischen Soldaten erblickte und das Kreuz, mit dem sein König ihn geschmückt, da riss ihn die Begeisterung fort und er predigte über eine Stelle aus den Sprüchen Salomos: Besser ist ein guter Name als grosser Reichthum, guter Ruf besser als Silber und Gold. Er predigte aus dem Stegreif, wie sein Herz es ihm eingab, und er hatte niemals besser gepredigt.
Dann sang der Kantor. Auch er that sein Bestes. Er trillerte wie eine Lerche, er tremolierte wie eine Nachtigall, er schüttelte das Haupt und gestikulirte, breitete die Hände aus, beugte den Oberkörper und schlug den Takt, Alles wie ein Künstler, der unter seinen Zuhörern irgend eine erlesene Person weiss.
Dann ging man an das Vorlesen des Wochenabschnittes aus der Thora. Der Erste, welcher aufgerufen wurde, war David. Schon stieg er die Stufen hinan, um die grosse Pergamentrolle in Empfang zu nehmen, worauf die fünf Bücher Moses geschrieben sind, als eine scharfe, näselnde Stimme rief: »Kann ein Jude mit dem Kreuz auf der Brust zur Thora aufgerufen werden?«
Diese hässliche Stimme gehörte Dankmar Bernstein, der sich gleichfalls um die hübsche Abigail und wahrscheinlich noch mehr um ihre Mitgift beworben hatte und die Gelegenheit benutzte, um sich an seinem Nebenbuhler zu rächen.
David war bleich geworden. »Jeder gute Jude,« sprach er, »hat ein Recht auf den Aufruf zur Thora. Dieses Rechtes verlustig erklärt werden ist eine Strafe, eine Entehrung. Wer hat hier den Muth einem Soldaten, der für Vaterland und König gefochten die Ehre abzusprechen?«
Alle schrieen durcheinander, aber Bernsteins Stimme übertönte Alle: »Der Talmud verbietet Juden, die unter Heiden wohnen, deren Kleidung anzunehmen.«
Oben, hinter dem Gitter hatte Mutter Rose die Hände vor das Gesicht gepresst und weinte, während Abigail sich erhoben hatte, als wollte sie den Geliebten vertheidigen.
Endlich hatte der Schames, der kleine, wohlbeleibte Synagogendiener die Ordnung und Ruhe so weit hergestellt, dass der Rabbiner, der schon wiederholt gewinkt hatte, das Wort ergreifen konnte.
Voll Würde und Milde, neben dem Beleidigten stehend, die Arme erhoben, begann der alte Mann: »Was musste ich hören? Kann Irrthum so verblenden, dass der Irrgeführte im blinden Eifer Gott zu dienen, dessen Tempel entheiligt?«