Ein heiterer Zufall kam dem Racheplan der hübschen Wittwe zur Hülfe. Der Schneider Oser Weinstock hatte den Kredit seiner Mitbürger bis auf das Aeusserste missbraucht, ihre Geduld war zu Ende, und da der polnische Jude den Glaubensgenossen ungern vor Gericht belangt, so verklagten die Gläubiger des Schneiders denselben bei dem Rabbiner und dieser lud den kleinen Schneider Weinstock vor den Beschdin.
An dem Verhandlungstage hatte der Schames, der Gemeindediener, Mühe, die Kläger an der Thüre des Saales im Zaum zu halten, und als endlich die Rabbiner Rabbi Lewensohn, Reb Baruch und Reb Krakier an der mit einem grünen Tuch bedeckten Tafel Platz genommen, stürzten alle zugleich schreiend herein, allen voran Haim Mojsewitsch, der Schlächter, ein Goliath an Gestalt und Lidde Fiebisch, die Mehlhändlerin.
Zuletzt erschien verlegen und lächelnd der arme Schneider.
Nachdem einige Zeit alle zugleich geschrieen, gejammert, gedroht und gestikulirt hatten, gelang es der Stimme des Rabbiners und den Fäusten des Schames, einigermassen die Ordnung herzustellen, so dass Einer nach dem Andern vortreten und seine Klage anbringen konnte. Der Kaufmann Hirsch Glückskind schwor, dass Weinstock seit Jahren bei ihm Seide, Sammt und andere Stoffe für genau 861 Rubel genommen und bis nun nicht mehr als 11 Rubel bezahlt habe, der Kürschner Eisig Iserles hatte gar 1250 Rubel zu fordern, der Kurzwaarenhändler Just Fassel hatte für 230 Rubel Waare geliefert und 114 Rubel erhalten. Der Fleischer Haim forderte 62 Rubel ein, der Bäcker Fantes 34 Rubel, die alte, zahnlose Gänsehändlerin Chave Krendel 17 Rubel und die kleine erboste Lidde 12 Rubel für Mehl. Die letztere schrie am meisten, wahrscheinlich weil sie am wenigsten zu fordern hatte und hielt nach jedem Satz, den sie sprach, dem zitternden Schneider die geballte Faust, als eine Art Schlusspunkt unter die Nase.
Der Geklagte erklärte mit einer jämmerlichen Miene, er habe kein Geld und könne deshalb nicht zahlen.
»Aber Sie haben doch immer verdient«, warf der Rabbiner ein.
»Nicht mehr, als was nöthig war, um nicht Hungers zu sterben.«
»Wozu haben Sie denn immer wieder Stoff genommen und Band und Knöpfe und Fischbein?« fragte Reb Krakier.